Brauchtum in BayernBräuche, belegt erzählt
Wetterkunde · Franken

Hundertjähriger Kalender

Der Hundertjährige Kalender stammt aus Kloster Langheim in Oberfranken. Wer ihn schrieb, wie der Planetenzyklus funktioniert und was er wirklich vorhersagt.

Kurz gesagt

Der Hundertjährige Kalender geht auf Mauritius Knauer zurück, der von 1649 bis 1664 Abt des Zisterzienserklosters Langheim bei Lichtenfels in Oberfranken war. Er beruht auf Wetterbeobachtungen der Jahre 1652 bis 1658 und auf der Annahme, sieben Planeten bestimmten im Wechsel das Wetter je eines Jahres. Meteorologisch gelten seine Vorhersagen als nicht haltbar.

Am Obermain bei Lichtenfels, nicht weit von der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen, stand bis 1803 die Zisterzienserabtei Langheim. Von ihr ist fast nichts geblieben, ein paar Wirtschaftsgebäude im Ortsteil Klosterlangheim. Ein Werk aus ihrer Schreibstube aber liegt bis heute jedes Jahr neu in den Buchhandlungen: der Hundertjährige Kalender. Seine Geschichte ist besser als sein Ruf, nur eben anders, als die meisten denken.

Was ist der Hundertjährige Kalender?

Der Hundertjährige Kalender ist ein Wetterkalender, der für jeden Monat, oft für jeden Tag eines Jahres, Witterung vorhersagt. Grundlage ist eine Lehre aus dem 17. Jahrhundert: Sieben Himmelskörper sollen im festen Wechsel jeweils ein ganzes Jahr regieren und sein Wetter prägen. Wer weiß, welcher Planet ein Jahr beherrscht, kann nach dieser Logik in den Aufzeichnungen nachschlagen, wie das Wetter im letzten Jahr desselben Planeten war.

Heute erscheint der Kalender in mehreren Verlagen, meist ergänzt um Bauernregeln, Lostage, Mondphasen und Gartentipps. Mit dem ursprünglichen Werk hat das nur noch locker zu tun.

Wer war Mauritius Knauer?

Mauritius Knauer wurde am 14. März 1613 in Weismain bei Lichtenfels geboren und besuchte das Gymnasium in Bamberg. 1631 trat er in den Zisterzienserorden ein, studierte in Wien und wurde 1649 Abt von Langheim. Seine Amtszeit fiel in die Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg: Er ließ Kriegsschäden beheben, verteidigte den Klosterbesitz gegen das Hochstift Bamberg und kaufte Güter hinzu.

Daneben interessierte er sich für Mathematik, Medizin und Astronomie und richtete sich eine kleine eigene Sternwarte ein. Er starb am 9. November 1664 in Langheim. Die Neue Deutsche Biographie führt ihn bis heute mit einem eigenen Artikel, was für einen fränkischen Landabt eine beachtliche Nachwirkung ist.

Wie entstand der Hundertjährige Kalender?

Knauer schrieb sein Werk nicht für die Öffentlichkeit, sondern für die Landwirtschaft der Klostergüter. Sein Titel lautete Calendarium oeconomicum practicum perpetuum, ein immerwährender, praktischer Wirtschaftskalender. Geschrieben ist er teils lateinisch, teils deutsch.

Die Grundidee stammt aus der antiken Astrologie: Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond, die sieben Planeten des ptolemäischen Weltbildes, sollen nacheinander je ein Jahr regieren. Knauer prüfte diese Lehre mit eigenen Wetterbeobachtungen in Langheim, wohl von 1652 bis 1658, also genau einen Siebenjahreszyklus lang. Bemerkenswert ist, dass er selbst Ausnahmen und Verschiebungen für möglich hielt und Kometen sowie Sonnen- und Mondfinsternisse als Störfaktoren nannte. Schon unter Astrologen seiner Zeit war die Planetenlehre umstritten.

Wie wurde aus dem Klosterkalender ein Bestseller?

Den Sprung in die Öffentlichkeit verdankt das Werk dem Arzt Christoph von Hellwig, der in Tennstedt und später in Erfurt wirkte. Um 1700 brachte er auf Grundlage von Knauers Handschrift einen Kalender für die Jahre 1701 bis 1800 heraus, also einen hundertjährigen. Die lateinischen Passagen ließ er weg. Knauers eigene Fassung wurde 1704 in Kulmbach unter seinem Namen gedruckt.

Ab etwa 1720 setzte sich der Titel Hundertjähriger Kalender durch. Der Kalender wurde einer der populärsten Wetteralmanache im deutschen Sprachraum und zugleich ein beliebtes Ziel des Spotts über Aberglauben. Die Neue Deutsche Biographie hält fest, dass Fehllesungen und Auslassungen späterer Herausgeber dazu beitrugen. Knauers genaue oberfränkische Wetterbeobachtungen blieben dabei lange unbeachtet.

Wie liest man den Hundertjährigen Kalender?

Das Prinzip ist einfacher, als die dicken Ausgaben vermuten lassen. Jedes Jahr bekommt einen Jahresregenten, also einen der sieben Planeten in der festen Reihenfolge Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond. Nach sieben Jahren beginnt der Kreis von vorn. Seinen späteren Namen verdankt der Kalender einer Übersichtstabelle, die die Jahre eines ganzen Jahrhunderts den Planeten zuordnete. Wer wissen wollte, wie ein künftiges Jahr ausfällt, suchte dessen Planeten in der Tabelle und las nach, was Knauer im entsprechenden Beobachtungsjahr notiert hatte.

Wo sind Knauers Schriften heute?

Knauer hinterließ neben dem Kalender mehrere theologische Abhandlungen, die die Staatliche Bibliothek Bamberg verwahrt, außerdem eine Schrift Frankenthal. Lustgarten von 1653 und die Novizenanleitung Tuba coelestis von 1662. Ein Digitalisat des Kalenders aus Bamberger Beständen ist online zugänglich. Eine Ausgabe, die ausdrücklich auf Knauers eigenen Text zurückgeht, gab E. Heimeran 1971 als Echter 100jähriger Kalender heraus.

Was ist aus Kloster Langheim geworden?

Langheim wurde 1132 gegründet, auf Grund, den Mitglieder der Familien Rotenhan und Redwitz dem Bamberger Bischof Otto I. übergeben hatten. Besiedelt wurde es von Zisterziensern aus Ebrach. 1802 zerstörte ein Brand große Teile der Gebäude, 1803 wurde das Kloster im Zuge der Säkularisation aufgelöst. Die Reste dienten danach weitgehend als Steinbruch.

Überdauert hat sein berühmtestes Bauprojekt: Die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen war eine Gründung Langheims, ihren barocken Neubau gab Abt Stephan Mösinger bei Balthasar Neumann in Auftrag. Dass sie nach 1803 nicht abgerissen wurde, ist dem Protest der Bevölkerung zu verdanken. Mehr zu den Bräuchen der Gegend steht unter Brauchtum in Franken.

Wie genau ist der Hundertjährige Kalender?

Hier ist die Wissenschaft eindeutig. Das Lexikon der Geowissenschaften nennt die Annahme, die beobachtete Witterung wiederhole sich in einem festen Zyklus, schlicht eine irrige Vorstellung. Trifft eine Vorhersage zu, ist das ein Zufallstreffer, kein Beleg für die Methode. Eine Wetterlage hängt von großräumigen Strömungen über dem Atlantik und Europa ab, nicht davon, welcher Planet nach einem barocken Schema gerade an der Reihe ist.

Bemerkenswert ist eher, dass Knauers Aufzeichnungen ein Stück Klimageschichte sind. Sie beschreiben die Witterung eines bestimmten Ortes in einem bestimmten Jahrzehnt, und die Neue Deutsche Biographie nennt seine Angaben für Oberfranken ausdrücklich exakt. Wer daraus das Wetter von 2027 ablesen will, liest einen Wetterbericht aus Oberfranken von 1655 und hofft, dass er sich wiederholt.

Was unterscheidet ihn von Bauernregeln und Lostagen?

Der Hundertjährige Kalender wird oft mit Bauernregeln gleichgesetzt, weil moderne Ausgaben beides mischen. Seiner Herkunft nach ist er etwas anderes: Bauernregeln sind kurze, meist gereimte Erfahrungssätze, mündlich überliefert und an Heiligentage gebunden. Einige davon beschreiben echte Wetterregelfälle, wie die Seite zu Bauernregeln und Lostagen zeigt. Der Kalender dagegen ist das Werk eines gelehrten Abtes mit astrologischem Unterbau.

Die bekanntesten Lostage, etwa Lichtmess am 2. Februar oder die Eisheiligen im Mai, finden sich trotzdem in fast jeder Ausgabe. Wer den Hundertjährigen Kalender heute aufschlägt, hält also vor allem eines in der Hand: ein Stück fränkische Kulturgeschichte mit sehr langer Haltbarkeit.

Häufige Fragen

Wer hat den Hundertjährigen Kalender geschrieben?

Mauritius Knauer, geboren 1613 in Weismain, gestorben 1664 in Langheim. Er war Zisterzienser und ab 1649 Abt von Kloster Langheim bei Lichtenfels. Seinen Kalender nannte er Calendarium oeconomicum practicum perpetuum und schrieb ihn für die Güter seines Klosters, nicht für den Druck.

Warum heißt er hundertjähriger Kalender?

Nicht weil er hundert Jahre Beobachtungen enthält, sondern weil spätere Bearbeiter ihn als Vorhersage für ein Jahrhundert anboten. Die erste Ausgabe des Arztes Christoph von Hellwig galt den Jahren 1701 bis 1800. Der Titel Hundertjähriger Kalender setzte sich ab etwa 1720 durch.

Wie genau ist der Hundertjährige Kalender?

Aus meteorologischer Sicht sind seine Vorhersagen nicht haltbar. Die Grundannahme, das Wetter wiederhole sich in einem festen Zyklus, gilt als falsch. Knauers eigene Notizen sind dagegen ein wertvolles Zeugnis der Witterung in Oberfranken in den 1650er Jahren.

Was sagt der Hundertjährige Kalender für 2027?

Verschiedene Verlage geben jedes Jahr Ausgaben mit Monatsvorhersagen heraus, die aus dem Planetenzyklus abgeleitet sind. Eine Wetterprognose im heutigen Sinn ist das nicht. Für die Planung im Garten oder auf dem Feld taugen die Wettervorhersagen des Deutschen Wetterdienstes, keine Jahresregenten.

Hat der Hundertjährige Kalender etwas mit Bauernregeln zu tun?

Viele Ausgaben drucken Bauernregeln und Lostage mit ab, deshalb wird beides oft gemeinsam gesucht. Ihrem Ursprung nach sind es verschiedene Dinge: Bauernregeln sind mündlich überlieferte Erfahrungssätze, der Kalender ist ein gelehrtes Werk eines Abtes mit astrologischer Grundidee.

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