Fensterln und Kammerfensterln
Fensterln in Bayern: was Kammerfensterln bedeutet, woher der nächtliche Werbebrauch kommt, was Mythos und was belegt ist und was davon heute noch übrig ist.
Kein fester Termin, nächtlicHaberfeldtreiben im bayerischen Oberland: was die Haberer nachts taten, woher der Name kommt, warum Miesbach 1893 das Ende brachte und was blieb.
Das Haberfeldtreiben war ein nächtlicher Rügebrauch im bayerischen Oberland zwischen Inn und Isar, bei dem vermummte Burschen vor dem Haus eines Beschuldigten lärmten und ihm in Spottversen seine Verfehlungen vorhielten. Belegt ist es vom frühen 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, aktenkundig sind seit 1826 rund 140 Treiben. Nach dem großen Treiben von Miesbach im Oktober 1893 und den folgenden Prozessen kam der Brauch zum Erliegen.
Man stelle sich eine Herbstnacht im Mangfalltal vor, irgendwann um 1860. Auf einer Wiese oberhalb des Dorfs stehen hundert Männer mit geschwärzten Gesichtern, Gewehre in der Hand. Unten im Haus wird ein Bauer von Schlägen an Tür und Fenster geweckt. Dann bricht der Lärm los: Schüsse, Böller, Musik, Geschrei. Wenn es endlich still wird, liest eine Stimme vom Hang herab in Versen vor, was der Mann im Dorf angeblich getrieben hat. Am Morgen weiß es die ganze Gegend. Das war ein Haberfeldtreiben, und wer davon getroffen wurde, war seinen Ruf für lange Zeit los.
Das Haberfeldtreiben war ein Rügebrauch: eine Form, mit der eine Dorfgemeinschaft Verstöße gegen ihre Moral öffentlich anprangerte, ohne Gericht und ohne Verteidigung. Nach dem Historischen Lexikon Bayerns ist es vom 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen im Voralpenraum zwischen Inn und Isar nachweisbar. Entstanden ist es im sogenannten Mangfallbogen zwischen Mangfall und Gebirge, später griff es weiter aus, etwa 1834 nach Ebersberg und 1849 nach Aibling, gegen Ende des Jahrhunderts bis Aschheim und Sauerlach.
Die Teilnehmer hießen Haberer oder Haberfeldtreiber. Sie kamen meist aus Bauern-, Handwerker- und Arbeiterkreisen und blieben vermummt oder schwärzten sich die Gesichter. Ihr Anführer war der Haberfeldmeister, nach der Überlieferung an zwei weißen Hahnenfedern am Hut zu erkennen. Mit einem Gericht hatte das Treiben nichts zu tun, auch wenn der Vergleich mit der Feme gern gezogen wird. Rechtshistorisch ist er nicht haltbar.
Die ehrliche Antwort: Man weiß es nicht. Der Volkskundler Elmar Schieder hat rund zwanzig Deutungen gesammelt und hält viele davon für unwahrscheinlich. Die naheliegende Erklärung über das Haferfeld, durch das man Sünder getrieben oder dessen Ernte man verwüstet habe, ist nicht belegt. Gelehrte des 19. Jahrhunderts wie Grimm, Simrock und Sepp suchten lateinische Wurzeln, etwa in caper, der Ziege, oder aper, dem Eber.
Am meisten Gewicht hat ein Hinweis des Sprachforschers Johann Andreas Schmeller. Er verwies auf die alte Wendung, jemanden auf die Haberwaid schlagen, die schon bei Hans Sachs vorkommt und das Sitzenlassen einer Geliebten bezeichnet. Das passt zu den frühesten Fällen, denn anfangs ging es vor allem um ledige Bauerntöchter, die ein Kind bekommen hatten und vom Vater verlassen worden waren.
Ein Wort noch zu den gern erzählten Ursprüngen: Dass das Haberfeldtreiben auf ein Gericht Karls des Großen oder auf germanische Thingversammlungen zurückgehe, ist nicht belegt. Die Berufung auf einen Kaiser Karl taucht erst im 19. Jahrhundert auf, aktenkundig 1845, und war nach heutigem Forschungsstand ein Versuch nachträglicher Legitimation.
Der Ablauf folgte einem festen Ritual, das sich aus den Gerichtsakten gut rekonstruieren lässt:
Ab 1834 ist der Haberfeldmeister als Vorleser belegt. In der Spätzeit wuchsen die Treiben auf bis zu 200 Teilnehmer in einheitlicher Gebirgstracht, mit Musik, Feuerwerk und Schüssen. Späher warnten vor der Gendarmerie.
Am Anfang standen vor allem sexuelle Verfehlungen im Mittelpunkt, und zwar meist zulasten der Frauen. Der älteste Beleg stammt nach dem Historischen Lexikon Bayerns aus dem Jahr 1716: Ein Verhörprotokoll des Hofmarksgerichts Vagen beschreibt, wie ein Mädchen zum Spott in das sogenannte Haberfeld getrieben wurde. Später wurden auch Brandstiftung, Bierpanscherei, Diebstahl, Unterschlagung und das Verrücken von Grenzsteinen gerügt.
Ab etwa 1857 richtete sich der Brauch zunehmend gegen verheiratete Männer und gegen die Honoratioren des Dorfes: Lehrer, Pfarrer, Gemeindevorsteher. Damit wurde aus einer Sittenrüge eine Waffe, und die Anschuldigungen waren nicht immer wahr, manche waren schlicht erfunden. Nach dem Historischen Lexikon Bayerns wandelte sich ein eher harmloser, scherzhafter Rügebrauch, verwandt der Katzenmusik, also dem nächtlichen Lärm vor dem Haus, zu einer bösartigen Form der Selbstjustiz.
Wer sich für andere nächtliche Bräuche der ledigen Burschen interessiert, findet beim Kammerfensterln die freundlichere Seite derselben Welt.
Die Obrigkeit hat früh reagiert. König Ludwig I. verbot das Haberfeldtreiben am 31. Juli 1834 per Dekret und drohte den Gemeinden mit Einquartierung von Militär. Die Erzbischöfe von München und Freising mahnten mehrfach in Hirtenbriefen, im Oktober 1866 verhängte Erzbischof Gregor von Scherr gegen Anstifter und Teilnehmer den großen Kirchenbann. Gewirkt hat das wenig, im Gegenteil: In den 1830er Jahren breitete sich der Brauch aus, gegen Ende des Jahrhunderts wurden die Treiben größer.
Das Ende kam mit einer Nacht im Oktober 1893. Nach dem Historischen Lexikon Bayerns zogen in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober bis zu 200 Haberer nach Miesbach, gleichzeitig trieben rund 70 in Emmering. In Miesbach rückten Gendarmen unter dem Bezirksamtmann Carl Riezler vor und schossen nach einer Warnung scharf. Das Treiben brach ab, ein Gendarm und ein Haberer wurden schwer verletzt.
Ab 1896 folgte eine Verhaftungswelle, an deren Ende zahlreiche Haberer verurteilt waren. Die Zahlen schwanken je nach Quelle, sicher ist, dass die Prozesse den Brauch beendeten. Kleinere Treiben gab es danach noch, etwa 1895 in Sauerlach, wo ausgerechnet der Bürgermeister das Treiben bestellt und bezahlt haben soll. Wiederbelebungsversuche, auch durch Trachtenvereine, gab es bis 1922. Die Bevölkerung machte nicht mehr mit.
Als Rügebrauch ist das Haberfeldtreiben tot, als Wort und Bild lebt es weiter. 2008 nannten Milchbauern in Ruhstorf an der Rott ihren Protest gegen den Bauernverband und den gesunkenen Milchpreis ein Haberfeldtreiben, 2009 zogen rund 650 Bauern damit vor die Bayerische Staatskanzlei in München. In Miesbach wird das Treiben bei Festen als historisches Schauspiel nachgestellt, und beim Maschkera-Umzug am Faschingsdienstag in Benediktbeuern taucht es als Szene auf, eine Verbindung, die zur Fastnacht in Bayern mit ihren Rügeelementen gut passt.
Auch die Literatur hat sich bedient. Wilhelmine von Hillern machte das Haberfeldtreiben 1898 zum Stoff ihres Romans Ein alter Streit, Oskar Panizza veröffentlichte 1897 eine sittengeschichtliche Studie, Georg Queri schrieb 1911 über die Geschichte des Brauchs. Das Fernsehen griff es in der Reihe Königlich Bayerisches Amtsgericht und im Bullen von Tölz auf.
Wer heute nach dem Haberfeldtreiber sucht, landet meist bei einem Lied. Bekannt war es in Bayern zunächst durch den Volkssänger Hanse Schoierer. Die Band Troglauer aus Troglau in der Oberpfalz nahm es 2010 neu auf, die Version stieg in die bayerische Hitparade und wurde 2010 und 2011 zum Wiesn-Hit. Mit dem Rügebrauch hat der Ohrwurm wenig zu tun, aber er sorgt dafür, dass ein Wort aus den Gerichtsakten des 19. Jahrhunderts jedes Jahr im Bierzelt mitgesungen wird.
Bräuche, die den Lebenslauf und das Zusammenleben im Dorf begleiten, sammelt die Rubrik Lebenslauf. Weitere Bräuche aus dem Oberland stellt die Regionalseite Altbayern vor.
Ein Haberfeldtreiber, kurz Haberer, war ein Teilnehmer an einem Haberfeldtreiben. Die Haberer kamen meist aus Bauern-, Handwerker- und Arbeiterkreisen, trafen sich nachts vermummt oder mit geschwärzten Gesichtern und schworen Verschwiegenheit. Angeführt wurden sie vom Haberfeldmeister, der die Rügeverse vortrug.
Inhaltlich bedeutet Haberfeldtreiben, jemanden nachts öffentlich an den Pranger zu stellen, mit Lärm und Spottversen. Woher das Wort kommt, ist ungeklärt. Die Forschung kennt rund zwanzig Deutungen, eine verweist auf die alte Wendung, jemanden auf die Haberwaid zu schlagen, also eine Geliebte sitzen zu lassen.
In der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1893 zogen bis zu 200 Haberer nach Miesbach. Gendarmen rückten unter Führung des Bezirksamtmanns gegen sie vor und schossen nach einer Warnung scharf, das Treiben wurde abgebrochen. Es war das letzte große Haberfeldtreiben, die anschließenden Verhaftungen und Prozesse brachen dem Brauch das Genick.
Das Lied war in Bayern zunächst durch den Volkssänger Hanse Schoierer bekannt. Die Oberpfälzer Band Troglauer brachte 2010 eine Neuaufnahme heraus, die 2010 und 2011 zum Wiesn-Hit wurde. Mit dem historischen Brauch hat das Lied vor allem den Namen gemeinsam.
Als Rügebrauch nicht. Versuche einer Wiederbelebung gab es bis 1922, sie scheiterten. Der Name lebt aber weiter: 2008 und 2009 nannten Milchbauern ihre Protestaktionen in Niederbayern und vor der Staatskanzlei in München Haberfeldtreiben, und in Miesbach wird der Brauch bei Festen als historisches Schauspiel nachgestellt.
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NovemberStand: 21. Oktober 2026. Redaktion Brauchtum in Bayern, Chinesischer Turm e.V. Hinweise und Korrekturen an servus@brauchtum-in-bayern.de.