Brauchtum in BayernBräuche, belegt erzählt
Geburt · Altbayern

Kindsbaum und Bräuche zur Geburt

Kindsbaum, Lumpenmacherei, Bixnmacherei und Weisertwecken: was die bayerischen Bräuche zu Hochzeit und Geburt bedeuten, woher sie kommen und was man schreibt.

Kurz gesagt

Ein Kindsbaum ist ein geschmückter Baum mit Storch und Babysachen, den Freunde einem Brautpaar in Bayern zur Hochzeit aufstellen; kommt binnen eines Jahres kein Kind, wird eine Brotzeit oder ein Essen fällig. Nach der Geburt melden in Altbayern Schilder wie Lumpenmacherei oder Zipfelmacherei einen Buben und Bixnmacherei ein Mädchen. Älter ist das Weisertwecken, bei dem die Mutter nach der Geburt eines Stammhalters ein meterlanges Weißbrot geschenkt bekommt.

In manchen oberbayerischen Dörfern kann man die Familienplanung der Nachbarschaft vom Gartenzaun ablesen. Ein bunt bemalter Stamm mit Storch und Strampelanzug: hier wurde geheiratet, und die Freunde erwarten Ergebnisse. Ein Holzschild mit leeren Dosen: ein Mädchen ist da. Ein Schild mit Stofffetzen: ein Bub. Und wenn ein Traktor mit einem neun Meter langen Brotlaib und einer Blaskapelle vorfährt, dann hat ein Hof seinen Stammhalter bekommen. Die Bräuche rund um Hochzeit und Geburt sind in Bayern laut, öffentlich und nicht immer zimperlich.

Was ist ein Kindsbaum?

Der Kindsbaum gehört eigentlich schon zur Hochzeit. Freunde, Bekannte, ein Verein oder Verwandte stellen ihn dem Brautpaar heimlich vors Haus, meist am Vorabend der Hochzeit. Das Brauchtumsjahr beschreibt ihn als Baum ähnlich einem Maibaum, behängt mit Kinderwäsche, Fläschchen und anderen Babysachen, und nennt Kindsbaum und Hochzeitsbaum ausdrücklich als zwei Namen für dieselbe Sache. Oben sitzt fast immer ein Storch, manchmal mit einem Bündel im Schnabel, dazu kommt eine Tafel mit den Vornamen, dem Hochzeitsdatum und einem Gedicht. Gern hängen auch Anspielungen auf Hobbys oder Vereine des Paares daran.

Die Botschaft ist eindeutig, und sie hat eine Frist. Kommt binnen eines Jahres kein Kind, wird eine Einladung fällig. Nach dem Brauchwiki muss dann das Paar die Aufsteller mit Bier und Brotzeit bewirten, das Brauchtumsjahr beschreibt auch die umgekehrte Regel, nach der die Verantwortlichen für den Baum zum Essen einladen. Viele Bäume bleiben ein Jahr stehen, um den ersten Hochzeitstag herum wird dann oft gemeinsam gefeiert. Wie der Kindsbaum in die übrigen Bräuche des großen Tages passt, zeigen die Hochzeitsbräuche in Bayern.

Wo stellt man einen Kindsbaum auf?

Das Brauchwiki des Landesvereins für Heimatpflege verortet den Hochzeitsbaum mit Babysachen vor allem in Oberbayern und stützt sich dabei auf Beobachtungen aus dem nördlichen Oberbayern. Statt eines Baums gibt es nach dem Brauchtumsjahr manchmal einen Türkranz aus immergrünen Zweigen, der sich auch an einer Mietwohnung anbringen lässt. In anderen Gegenden pflanzt das Paar am Hochzeitstag selbst ein Bäumchen, im eigenen Garten oder mit Erlaubnis der Gemeinde auf öffentlichem Grün. In Franken kennt man eine eigene Variante: In Eltmann stellen Fichtlessteller zum Polterabend junge Fichten mit rot-weißen Bändern an den Eingang des Festlokals.

Sprüche für Kindsbaum und Hochzeitsbaum

Auf die Tafel gehört ein kurzer Reim, frech, aber nicht verletzend. Ein paar Beispiele, frei formuliert:

  • „Jetzt seid's verheirat', des is schee, doch ohne Kind, da tuat's uns weh. A Jahr lang wart' der Storch no zua, dann gibt's a Brotzeit, und a Ruah.“
  • „Der Baum is gstellt, der Storch passt auf. Und wenn er wartn muass, dann zahlts drauf.“
  • „Ein Jahr lang hat der Storch Geduld, dann seid's uns a Brotzeit schuld.“

Ob in Mundart oder Hochdeutsch: Wichtig sind die Namen, das Datum und die Frist. Unter die Gürtellinie gehören solche Sprüche nicht, auch wenn das Internet anderes nahelegt.

Lumpenmacherei, Zipfelmacherei und Bixnmacherei

Nach der Geburt melden Schilder am Gartenzaun das Geschlecht des Kindes. Für einen Buben steht in vielen Gegenden Bayerns die Lumpenmacherei, oft mit Stofffetzen behängt. Ein Lump ist im Bairischen ein ungehorsamer, frecher Bub, der Name ist also eher ein augenzwinkernder Vorgriff als eine Beleidigung. In Teilen Oberbayerns heißt dasselbe Schild Zipfelmacherei, und die Bemalung lässt dann wenig Raum für Fantasie.

Das Gegenstück für Mädchen ist die Bixnmacherei, ein Schild mit vielen leeren Konservendosen. Ein Bixnmacher war ursprünglich ein Mann, der nur Töchter hatte, heute genügt eine einzige. Das Brauchtumsjahr erklärt den Hintergrund mit der bäuerlichen Ökonomie: Töchter galten als teuer, weil sie vor allem im Haushalt mithalfen und der Brautvater die Hochzeit ausrichten musste. Das Wort selbst ist zweideutig. Bixn heißt Büchse, und Sprachforscher weisen darauf hin, dass damit nicht die Blechdose gemeint ist.

Wie alt diese Schilder sind, lässt sich schwer sagen. Michael Ritter vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege rechnet sie zu den Bräuchen, die seit ein paar Jahrzehnten immer häufiger auftauchen, und hält die Bixnmacherei für die ältere und häufigere Form, die Zipfelmacherei für die jüngere.

Kritik: Gaudi oder Herabsetzung?

Gerade die Geburtsschilder sind umstritten. Ritter sieht in der Bixnmacherei die Vorstellung transportiert, ein Mädchen sei weniger wert als ein Stammhalter, und kritisiert die Bloßstellung, die mit den derben Anspielungen verbunden ist. Auch am Kindsbaum stört ihn, dass die Forderung nach Nachwuchs Paare belasten kann, die keine Kinder bekommen können oder wollen. Das Brauchtumsjahr hält dagegen, die Bixnmacherei sei heute viel häufiger als das Weisertwecken für Buben und lasse sich deshalb kaum noch als Missachtung von Töchtern lesen. Zwischen beiden Positionen bewegt sich die Praxis: Viele Familien freuen sich über das Schild, andere bitten die Freunde ausdrücklich, darauf zu verzichten. Fragen kostet nichts.

Weisertwecken: das Brot für den Stammhalter

Deutlich älter als die Schilder ist das Weisertwecken. Nach der Geburt eines ersten Sohnes bringen Nachbarn, Paten oder der örtliche Trachtenverein der Wöchnerin einen langen, geflochtenen und verzierten Wecken aus Weißmehl. Er soll die Mutter stärken, das Kind in die Dorfgemeinschaft aufnehmen und dafür sorgen, dass im Haus das Brot nie ausgeht. Nach einer verbreiteten Regel misst er einen Meter pro Pfund Geburtsgewicht, getragen wird er auf einer Holzleiter, damit er nicht bricht. Wer einen Wecken bringt, wird bewirtet.

Das Brauchwiki dokumentiert ein Weisertweckenfahren vom 28. Oktober 2012 in Schechen im Landkreis Rosenheim. Der Wecken war rund neun Meter lang, zusammengesetzt aus fünf Weißbroten und vier Nusszöpfen, und fuhr mit Blaskapelle auf einem Traktoranhänger zwei Kilometer weit zum Haus der Familie. Dort sprach der Vereinsvorstand einen Prolog in Mundart, die Eltern bissen ins Brot, und gefeiert wurde bis in den späten Abend. Für ein Mädchen wurde nach Auskunft des Vereins früher ausnahmsweise eine Torte statt eines Weckens gefahren. Dokumentiert ist der Brauch in der Region Rosenheim seit den 1920er Jahren, ein früher Zeitungsbericht stammt von 1924. Der Trachtenverein Alt-Rosenheim möchte ihn in seinem Umfeld wieder aufleben lassen.

Das Wort selbst führt weit zurück. Weisert, richtiger Weisat, geht auf das althochdeutsche wisod zurück, das Gabe bedeutet. Weisen hieß das Schenken bei besonderen Anlässen, vor allem bei Hochzeiten. Es war offenbar so beliebt, dass die bayerische Obrigkeit es 1553 bei Hochzeiten verbot, Eltern und nahe Verwandte ausgenommen. Gehalten hat sich das Schenken trotzdem.

Ein Brauch, viele Bäume

Kindsbaum, Hochzeitsbaum und Hungerbaum folgen derselben Logik wie der Maibaum: Ein Baum vor dem Haus ist eine Nachricht an alle. Der Hungerbaum drängt zur Hochzeit, der Kindsbaum nach der Hochzeit zum Kind, die Schilder verkünden das Ergebnis. Wer das als Gaudi versteht, hat damit in Altbayern eine ganze Lebensgeschichte im Vorgarten. Weitere Bräuche von der Geburt bis zum Tod sammelt die Rubrik Lebenslauf.

Häufige Fragen

Was ist ein Kindsbaum bei der Hochzeit?

Der Kindsbaum, auch Hochzeitsbaum genannt, ist ein Stamm oder Bäumchen, das Freunde einem frisch verheirateten Paar vors Haus stellen. Er ist mit Babykleidung, Fläschchen, Spielzeug und meist einem Storch geschmückt, dazu kommt eine Tafel mit Namen und einem Spruch. Ist nach einem Jahr kein Kind unterwegs, muss eine Seite die andere zum Essen oder zur Brotzeit einladen.

Was bedeutet Lumpenmacherei?

Lumpenmacherei ist ein Schild, das nach der Geburt eines Buben am Elternhaus aufgestellt wird, oft mit Stofffetzen behängt. Lump steht im Bairischen für einen frechen, ungehorsamen Buben. In Teilen Oberbayerns heißt dasselbe Schild Zipfelmacherei, eine deutlich derbere Anspielung.

Was bedeutet Bixnmacherei?

Bixnmacherei ist das Gegenstück für Mädchen: ein Schild, meist mit leeren Konservendosen behängt, das die Geburt einer Tochter anzeigt. Ein Bixnmacher war ursprünglich ein Vater, der nur Töchter hatte. Das Wort Bixn ist mehrdeutig und gilt Sprachforschern als abwertend.

Was ist ein Weisertwecken?

Der Weisertwecken ist ein langes, verziertes Weißbrot, das Verein, Nachbarn oder Paten der Wöchnerin nach der Geburt eines ersten Sohnes bringen. Er soll die Mutter stärken und dafür sorgen, dass im Haus das Brot nie ausgeht. In Schechen bei Rosenheim maß ein solcher Wecken 2012 rund neun Meter.

Welche Sprüche schreibt man auf einen Kindsbaum?

Üblich sind kurze, gereimte Verse mit den Namen des Paares, dem Hochzeitsdatum und der Frist von einem Jahr. Der Ton ist frech, aber nicht verletzend, Mundart ist gern gesehen. Beispiele in eigenen Worten stehen weiter unten auf dieser Seite.

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