Kindsbaum und Bräuche zur Geburt
Was die bayerischen Bräuche zu Hochzeit und Geburt bedeuten, woher sie kommen und was man schreibt.
Zur HochzeitWas ist ein Hungerbaum? Der bayerische Brauch für Paare, die nach sieben Jahren noch nicht verheiratet sind: Regeln, Bedeutung, Herkunft und Kritik.
Ein Hungerbaum, bairisch Hungabam, ist ein absichtlich hässlich geschmückter, oft dürrer Baum, den Freunde einem unverheirateten Paar nach sieben gemeinsamen Jahren in den Garten stellen. Nach verbreiteter Regel muss das Paar die Aufsteller dann bis zur Hochzeit jedes Jahr am Jahrestag zu Brotzeit und Bier einladen. Verbreitet ist der Brauch vor allem in Oberbayern, etwa im Chiemgau und um Rosenheim; ob er alt ist oder eine Erfindung jüngerer Jahrzehnte, ist umstritten.
Eines Morgens steht er im Vorgarten. Ein dürres Bäumchen, krumm und kahl, behängt mit allerlei Zeug, das eigentlich in den Wertstoffhof gehört, obendrauf vielleicht ein Plastikstorch und ein Schild mit einem gereimten Spruch. Die Nachbarn grinsen, die Freunde haben die halbe Nacht gearbeitet, und das Paar, das hier wohnt, weiß sofort Bescheid: Sieben Jahre zusammen und noch immer nicht verheiratet, das ist offenbar aufgefallen. Willkommen beim Hungerbaum.
Der Hungerbaum, bairisch Hungabam, ist ein Baum, den Freunde, Nachbarn oder Verwandte einem unverheirateten Paar in den Garten stellen. Auslöser ist nach allen Beschreibungen aus Oberbayern die Zahl Sieben: Wer sieben Jahre zusammen ist und nicht geheiratet hat, muss damit rechnen. Der Tourismusverband Chiemsee-Alpenland nennt ihn eine mehr als deutliche Aufforderung zum Heiraten, und genau so ist er gemeint.
Der Baum ist mit Absicht kein schöner Anblick. Er soll dürr und krumm sein, je hässlicher geschmückt, desto besser. Das unterscheidet ihn vom stolzen Maibaum, mit dem er den Gedanken teilt, dass ein aufgestellter Baum eine öffentliche Botschaft an das ganze Dorf ist. Der Name erklärt sich aus der Geschichte, die dazu erzählt wird: Die Liebe des Paares muss hungern, solange die Hochzeit auf sich warten lässt.
Belegt ist der Brauch vor allem im südöstlichen Oberbayern. Das Brauchwiki nennt Albaching im Landkreis Rosenheim sowie Erzählungen aus dem östlichen Landkreis Ebersberg und dem Altlandkreis Wasserburg am Inn. Die Samerberger Nachrichten zeigten 2021 einen Hungerbaum mitten in Wildenwart, einem Ortsteil von Frasdorf, und der Tourismusverband Chiemsee-Alpenland führt ihn unter den Bräuchen seiner Region. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts taucht er auch in anderen Teilen Altbayerns auf, die Formen unterscheiden sich dabei von Ort zu Ort.
Feste, schriftlich fixierte Regeln gibt es nicht, aber eine Grundform hat sich herausgebildet:
Wie das Ende aussieht, regelt jeder Freundeskreis selbst. Die Logik ist klar: Erst die Hochzeit erlöst das Paar von der jährlichen Bewirtung, und mit ihr hat der Hungerbaum seinen Zweck erfüllt. Dass man auf eine Hochzeit wiederum mit einem eigenen Baum reagiert, zeigt die Seite zum Kindsbaum.
Die ältere Überlieferung kennt vor allem Gerümpel: einen verrotteten Kinderwagen, ein gebrochenes Wagenrad, ausgedientes Hof- und Küchengerät. Der vertrocknete Baum stand für die schwindende Fruchtbarkeit, das alte Zeug für den Stillstand auf dem Hof. Heute hängen häufig Babykleidung und Spielzeug daran, oben sitzt ein Storch im Nest, dazu kommt eine Tafel mit einem Spruch, der Namen und Jahreszahlen nennt. Gelegentlich ist auch der Baum selbst die Pointe, wenn er so kümmerlich ausfällt, dass er erkennbar keine Früchte tragen wird.
Über die Herkunft gibt es zwei Erzählungen, und beide stammen bemerkenswerterweise aus dem Umfeld des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege.
Die erste steht im Brauchwiki des Landesvereins und stammt aus Albaching im Landkreis Rosenheim, wo der Brauch 2004 wiederbelebt wurde. Danach war der Hungerbaum im östlichen Landkreis Ebersberg und im alten Landkreis Wasserburg vor allem vor 1914 und in den Jahren nach 1918 bis etwa 1930 üblich. Er richtete sich ursprünglich gar nicht gegen das junge Paar, sondern gegen den Altbauern. Hoferben konnten oft erst heiraten, wenn der Vater den Hof übergab, und das konnte dauern. Verwandte der Braut und Freunde stellten deshalb den dürren Baum mit dem Gerümpel auf, um den Alten öffentlich zur Übergabe zu drängen. Mit dem Ende arrangierter Ehen nach dem Krieg und in den Wirtschaftswunderjahren sei der Brauch weitgehend verschwunden. Eine ähnliche Darstellung verbreiten die Samerberger Nachrichten.
Die zweite Sicht ist nüchterner. Michael Ritter, beim Landesverein Referent für Bräuche, Trachten und Dialekte, zählt den Hungerbaum zu den Neo-Bräuchen, die erst seit einigen Jahrzehnten in Vorgärten auftauchen. Auch die Wikipedia vermerkt, dass sich der Brauch seit Anfang des 21. Jahrhunderts ausbreitet, im Chiemgau etwa seit 2010, wo er vorher nicht üblich gewesen sei. Für die Herkunft gilt also: Eine ältere mündliche Überlieferung gibt es, belastbare schriftliche Belege aus früherer Zeit sind bisher nicht bekannt. Die heutige Form mit Storch, Schild und Jahrestagsbrotzeit ist mit Sicherheit jung.
Volkskundlich gehört der Hungerbaum zu den Rügebräuchen, also Bräuchen, mit denen eine Gemeinschaft einem Einzelnen öffentlich vorhält, was sie für eine Verfehlung hält. Das bekannteste und härteste bayerische Beispiel war das Haberfeldtreiben, bei dem vermummte Burschen nachts Verstöße gegen Sitte und Moral anprangerten. Ritter hält das Haberfeldtreiben mit heutigen Menschenrechten für unvereinbar. Im Vergleich dazu wirkt der Hungerbaum harmlos, er endet mit einer Brotzeit.
Harmlos heißt aber nicht unumstritten. Ritter hält dem Brauch vor, er übergehe, dass es gute Gründe gegen eine Ehe geben kann, und mache Privates zur öffentlichen Angelegenheit. Ähnlich sieht er die verwandten Bäume und Schilder zu Hochzeit und Geburt. Wer einen Hungerbaum plant, sollte das Paar also gut kennen. Was in einem Freundeskreis als liebevoller Spott ankommt, kann in einem anderen verletzen.
Der Hungerbaum hat Geschwister. Am Vorabend der Hochzeit stellen Freunde vielerorts einen Hochzeitsbaum auf, der mit Storch und Babykleidung Nachwuchs innerhalb eines Jahres einfordert; mehr dazu bei den Hochzeitsbräuchen in Bayern. Zu runden Geburtstagen gibt es Geburtstagsbäume mit Fotos und Anspielungen auf den Jubilar. Wer im Netz nach einem Hungerbaum für Singles zum 30. Geburtstag sucht, mischt also zwei verschiedene Dinge: Der Hungerbaum gilt dem Paar ohne Trauschein, nicht dem Alleinstehenden. Weitere Stationen zwischen Wiege und Grab versammelt die Rubrik Lebenslauf.
Ein Hungerbaum ist ein geschmückter Baum, den Freunde einem Paar in den Garten stellen, das seit sieben Jahren zusammen, aber nicht verheiratet ist. Er ist absichtlich unansehnlich, oft dürr und mit Gerümpel oder Kindersachen behängt. Gemeint ist eine unmissverständliche, spöttische Aufforderung zur Hochzeit.
Nach der verbreiteten Regel muss das Paar die Freunde, die den Baum aufgestellt haben, am Jahrestag der Beziehung bewirten, mit Brotzeit, Bier oder einer kleinen Feier. Das wiederholt sich jedes Jahr, bis das Paar heiratet. Manche Bäume tragen ein Schild, das zur Hochzeit innerhalb eines Jahres auffordert.
In der älteren Überlieferung hing man altes Gerümpel an den Baum, etwa ein gebrochenes Wagenrad, einen verrotteten Kinderwagen oder ausgediente Küchengeräte. Heute sieht man oft Babykleidung, Spielzeug und einen Storch, dazu eine Tafel mit einem Spruch. Je hässlicher, desto deutlicher die Botschaft.
Der Hungerbaum gilt nach den Beschreibungen aus Oberbayern Paaren, nicht Singles, und hängt an der Dauer der Beziehung, nicht am Alter. Für runde Geburtstage gibt es in Bayern eigene Geburtstagsbäume, die mit Fotos und Anspielungen auf den Jubilar geschmückt werden. Beides wird im Netz gern vermischt.
Das ist umstritten. Eine im Brauchwiki des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege festgehaltene Überlieferung aus dem Raum Wasserburg führt ihn auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück. Der Volkskundler Michael Ritter vom selben Verein bezeichnet ihn dagegen als Neo-Brauch, der sich erst seit einigen Jahrzehnten ausbreitet.
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