Tanz in den Mai
Tanz in den Mai in Bayern: was hinter der Nacht zum 1. Mai steckt, woher Walpurgisnacht und Freinacht kommen und wo man heute traditionell in den Mai tanzt.
AprilMaibaum in Bayern: woher die Tradition kommt, wie der Baum aufgestellt, gestohlen und ausgelöst wird und was Altbayern, Franken und Schwaben unterscheidet.
Der Maibaum ist ein entrindeter, geschmückter Stamm, meist eine Fichte, den Dorfgemeinschaften, Burschenvereine oder Feuerwehren in Bayern traditionell am 1. Mai auf dem Dorfplatz aufstellen. Als Ortsmaibaum ist er in Altbayern seit dem 16. Jahrhundert belegt, flächendeckend verbreitet hat er sich erst im 19. und 20. Jahrhundert. Zum Brauch gehören das Bewachen, das spielerische Stehlen samt Auslöse und ein Maifest.
Ende April liegt in vielen bayerischen Dörfern ein langer, geschälter Fichtenstamm in einer Halle oder einem Stadel, und daneben sitzen ein paar junge Männer, die eigentlich ins Bett gehören. Sie bewachen ihn. Am 1. Mai steht er dann senkrecht auf dem Dorfplatz, weiß-blau gestrichen, mit Kranz und Zunftzeichen, und unten spielt die Blaskapelle. Der Maibaum ist der bekannteste bayerische Brauch des Frühjahrs und zugleich einer, über dessen Herkunft am meisten Unsinn erzählt wird.
Ein Maibaum ist ein hoher, entrindeter Baumstamm, in Bayern fast immer eine Fichte, der zum 1. Mai auf einem zentralen Platz aufgerichtet wird. Er gehört dem Ort, nicht einer Person: Getragen wird er von Burschenvereinen, Feuerwehren, Trachtenvereinen oder einer eigenen Maibaumgemeinschaft. Der Aufwand ist erheblich. Ein Einsender berichtete dem Bayerischen Landesverein für Heimatpflege, wie das abläuft: Stamm und Spender finden, fällen, entrinden, im März abholen, wochenlang bewachen, bemalen, Tafeln anfertigen, Tänze einüben und für den Eierschmaus sammeln.
Davon zu unterscheiden ist der kleine Maien, ein Bäumchen, das ein junger Mann seiner Angebeteten vors Haus stellt. Diese Liebesmaien sind älter belegt als der große Dorfbaum und halten sich bis heute in Teilen Oberbayerns, Frankens und Schwabens, oft als Birke.
Ehrlich gesagt: Ein klarer Ursprung lässt sich nicht nachweisen. Die gern erzählte Geschichte vom germanischen Fruchtbarkeitsbaum ist eine Deutung, kein Befund. Die Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck hält fest, dass Maibäume mit Figurenschmuck erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts nachweisbar sind, die glatte Maistange dagegen schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts.
Für Altbayern hat der Volkskundler Hans Kaltenstadler die Belege zusammengetragen. Schon 1334 beschreibt Heinrich Seuse junge Leute, die grüne Bäumchen vor die Häuser ihrer Mädchen stellen. Den ersten archivalischen Nachweis eines Ortsmaibaums liefert 1531 die Hofmark Kling bei Wasserburg, um die Mitte des 16. Jahrhunderts zeichnet Philipp Apian einen Maibaum vor der Kirche in Inchenhofen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg stellen Soldaten Ehrenmaibäume auf, etwa 1648 in Vohburg oder 1686 vor dem Dachauer Rathaus. Ob die berühmte Starnberger Ansicht aus dem Münchner Antiquarium tatsächlich schon einen Figurenmaibaum zeigt, ist unter Fachleuten umstritten.
Der Obrigkeit war das Treiben nicht immer recht. Ein frühes Verbot erließ 1657 die Polizeiordnung der Oberpfalz; im April 1827 erlaubte König Ludwig I. das Maibaumaufstellen per Dekret ausdrücklich. Im 19. Jahrhundert erlebte der Brauch einen neuen Aufschwung, und der Ortsmaibaum wurde zum Zeichen der nun selbstständigen Gemeinden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er zur Modeerscheinung, den größten Schub brachte ausgerechnet das Jahr 1934, als das NS-Regime den 1. Mai propagandistisch auflud. Wer heute vom zeitlosen Brauch spricht, sollte diese Wellen kennen. Für die Münchner Seite der Geschichte lohnt sich die ausführliche Darstellung der Maibaum-Tradition beim Schwesterprojekt.
Klassisch wird der Baum mit reiner Muskelkraft aufgerichtet. Viele Männer stemmen ihn mit Schwaiberln (paarweise verbundenen Stangen, anderswo auch Schwalben genannt) Stück für Stück in die Senkrechte. Für die Katholische Akademie in München brauchten Burschen und Feuerwehr aus Oberndorf 2017 so rund anderthalb Stunden. Heute steht vielerorts ein Autokran daneben, mal als Sicherung, mal als eigentliches Werkzeug. Michael Ritter vom Landesverein für Heimatpflege bedauert das: Der gemeinsame Kraftakt sei der Kern des Brauchs, und ein etwas kürzerer Baum, sicher aufgestellt, sei kein Makel.
Ist der Baum oben, folgt das Maifest mit Musik, Bier und häufig einem Tanz der örtlichen Trachtler, gern mit Schuhplattler oder Goaßlschnalzern im Programm.
Der altbayerische Maibaum ist spiralförmig weiß-blau gestrichen, oben trägt er einen Kranz und oft einen grünen Wipfel, dazwischen hängen Tafeln. Diese Zunftzeichen zeigten ursprünglich Handwerk und Landwirtschaft, heute kommen Wappen von Gemeinde und Vereinen sowie Schilder örtlicher Betriebe hinzu. Im Berchtesgadener Land wird der Stamm nur geschält und darf in der Maisonne hell leuchten. Ein Sonderfall ist das Maibaumkraxln, das Erklettern des glatten Stamms.
Das Maibaumklauen gilt als ältester Teil des Brauchs, ist es aber vermutlich nicht. Ritter verweist darauf, dass die ältesten Belege für gestohlene Ortsmaibäume kaum mehr als 100 Jahre zurückreichen. Älter sind Berichte über junge Männer, die zum 1. Mai Bäumchen aus dem Wald des Grundherrn holten, also schlicht Holzdiebstahl für die Liebste.
Die heutigen Spielregeln sind ungeschrieben, aber erstaunlich stabil:
Scheitern die Verhandlungen, stellen die Diebe den Baum gelegentlich als Spottbaum bei sich auf. Ritter rät von solchen Schandbäumen dringend ab. Die Bewacher setzen inzwischen öfter auf moderne Überwachungstechnik als auf durchwachte Nächte bei Bier und Ratsch.
In Altbayern, also Ober- und Niederbayern und der Oberpfalz, ist der Ortsmaibaum am dichtesten verbreitet. Innerhalb dieses Raums gibt es aber feine Grenzen: Der Amberger Kreisheimatpfleger Dieter Dörner beschreibt die Oberpfalz als Land des Kirchweihbaums, während der Maibaum mit Zunftzeichen eher in Niederbayern zu Hause ist.
In Franken steht das Gemeinschaftsholz häufig nicht im Mai, sondern zur Kirchweih als Kerwabaum in der Dorfmitte. Wo Franken Maibäume aufstellen, tragen sie oft keine weiß-blaue Spirale, sondern weiß-rote Streifen. Kaltenstadler beschreibt außerdem für den fränkisch-schwäbischen Raum die Metzenbäume, die schon 1520 bezeugt und zu Johanni aufgestellt wurden.
In Schwaben gehört zum Maibrauch vor allem die Nacht davor: Im Allgäu und in Augsburg kennt man die Freinacht, in der Jugendliche alles umräumen, was um Haus und Hof nicht befestigt ist. Mehr dazu steht beim Tanz in den Mai. Liebesmaien sind in Schwaben ebenfalls verbreitet.
Der kleine Bruder des Dorfbaums ist der Maibaum für die Freundin: ein geschmücktes Bäumchen, oft eine Birke mit Krepppapier, das in der Nacht zum 1. Mai vor ihrem Haus auftaucht. Er steht meist bis Ende Mai. Verbreitet ist der Brauch unter anderem im Rheinland, in Franken, Oberbayern und Schwaben. Wer es weniger öffentlich mag, hält sich an das Kammerfensterln, das allerdings ganz eigene Risiken hat.
Maibaumfeste gibt es zum 1. Mai quer durch Bayern, angekündigt von Gemeinde oder Verein. Rekordjagd gehört inzwischen dazu: Eicherloh bei München beansprucht, einen der höchsten Maibäume überhaupt zu haben, 2011 war von 57 Metern die Rede. Ritter sieht diese Superlative kritisch, weil sie Druck erzeugen. Schöner als jeder Rekord ist ohnehin der Moment, in dem der Baum oben einrastet und der ganze Platz kurz still wird, bevor er jubelt.
Heute ist der Maibaum vor allem ein Zeichen der Dorfgemeinschaft: Wer ihn fällt, schmückt, bewacht und aufrichtet, zeigt, dass der Ort zusammenhält. Historisch gab es Ehrenmaibäume für Obrigkeiten und Offiziere, Liebesmaien für junge Frauen und seit dem 19. Jahrhundert den Ortsmaibaum der selbstständigen Gemeinden. Die verbreitete Deutung als uraltes Fruchtbarkeitssymbol ist nicht belegt.
Traditionell am 1. Mai, in vielen Orten am Vormittag oder frühen Nachmittag mit anschließendem Maifest. Manche Gemeinden stellen am Vorabend oder am folgenden Wochenende auf. 2027 fällt der 1. Mai auf einen Samstag; die Uhrzeit veröffentlicht jeweils der Verein oder die Gemeinde.
In Altbayern bleibt ein Ortsmaibaum meist mehrere Jahre stehen, häufig drei bis fünf, bis er morsch wird oder die Standsicherheitsprüfung nicht mehr besteht. Dann wird ein neuer aufgestellt und der alte oft in Stücken versteigert. Kleine Liebesmaien stehen dagegen nur den Mai über.
Gestohlen wird in den Wochen vor dem 1. Mai, solange der gefällte Baum noch liegt und bewacht werden muss. Gefährdet ist er vor allem im April. Ein bereits aufgestellter Baum gilt nach den ungeschriebenen Regeln als tabu.
Der Name kommt schlicht vom Termin: Der Baum wird zum 1. Mai aufgestellt. Ältere Belege sprechen auch vom Maien, womit sowohl der große Dorfbaum als auch das grüne Bäumchen vor dem Haus einer Angebeteten gemeint sein konnte.
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