Viehscheid im Allgäu
Was am Scheidplatz passiert, warum das Kranzrind nur nach einem guten Sommer geschmückt wird und welche Termine 2027 schon feststehen.
SeptemberAlmabtrieb in Bayern: warum das Vieh im Herbst geschmückt von der Alm kommt, was Aufkranzen und Fuikl bedeuten, wann Almabtriebe sind und wo man sie erlebt.
Der Almabtrieb ist die Rückkehr des Viehs von den Sommerweiden der bayerischen Alpen ins Tal, meist zwischen Mitte September und Mitte Oktober. Ist der Sommer ohne Unglück verlaufen, wird das Vieh aufgekranzt, also mit Kopfschmuck aus Zweigen und Holzspanblüten geschmückt, angeführt von der Kranzkuh. Im Allgäu heißt der Brauch Viehscheid.
Man hört den Almabtrieb, bevor man ihn sieht. Erst ein fernes Bimmeln, dann das tiefe Scheppern der großen Glocken, dann biegt sie um die Ecke: die Kranzkuh, auf dem Kopf ein Gebilde aus Fichtenzweigen und bunten Holzblüten, das aussieht, als hätte sie einen Christbaum geschultert. Dahinter die Herde, die Hirten, die Sennerin. Der Almabtrieb ist das Ende des Almsommers und in vielen Bergorten der schönste Tag des Herbstes.
Der Almabtrieb ist die Rückkehr des Viehs von den Hochweiden ins Tal. Den Sommer über, etwa von Juni bis September, stehen Kühe, Jungvieh, Ziegen, Schafe und manchmal Pferde auf den Almen, betreut von Sennerinnen, Sennern und Hirten. Im Herbst endet die Weidezeit, und das Vieh kehrt zu den Höfen zurück.
Das Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes führt die Alm- und Alpwirtschaft im bayerischen Alpenbogen als eigenen Eintrag. Dazu gehören neben der Beweidung selbst Bräuche wie Almabtrieb und Viehscheid, überlieferte Rechtsformen und das Wissen um Wege, Wasser, Zäune und Bergwetter. Diese Wirtschaftsweise hat seit dem Mittelalter die Kulturlandschaft der Alpen geformt. Der Almabtrieb ist ihr sichtbarster Moment.
In den bayerischen Alpen ziehen die Herden meist zwischen Mitte September und Mitte Oktober ins Tal. Im Berchtesgadener Land liegt die Zeit rund um Michaeli am 29. September, zwischen Ende September und Mitte Oktober. Wann eine bestimmte Alm abfährt, entscheidet sich oft erst kurzfristig nach Wetter und Weidezustand. Der Tourismusverband Berchtesgadener Land veröffentlicht deshalb ausdrücklich keine Termine und betont, dass der Almabtrieb kein inszeniertes Event ist.
Feste Termine gibt es dort, wo ein Dorffest den Abtrieb einrahmt. In Krün im Karwendel ist das 2027 Samstag, der 18. September. Im Allgäu, wo der Brauch Viehscheid heißt, liegt die Hochsaison zwischen Anfang September und Anfang Oktober.
Das Schmücken der Tiere heißt Aufkranzen. Im Berchtesgadener Land beginnt die Arbeit am Bartholomäustag, dem 24. August. Von da an sitzen Sennerinnen und Bauern in Nachtschichten zusammen und fertigen aus gefärbten Holzspänen Hunderte kleine Rosetten und Sterne, manche mit Flittergold betupft. Diese werden an junge Fichten- oder Lärchenwipfel gebunden, die zu Kronen geformt werden.
Der große Kopfschmuck heißt dort Fuikl, die kleineren Buschen für das Jungvieh Latschenbuschen oder Latsch'nboschn. Für einen Fuikl rechnet man rund 30 Arbeitsstunden, für einen Latschenbuschen etwa zehn. Den prächtigsten Schmuck trägt die Kranzkuh, die an der Spitze der Herde geht.
Die wichtigste Regel steht nicht im Kalender: Aufgekranzt wird nur, wenn der Sommer gut verlaufen ist. Gab es auf der Alm Unfälle oder Krankheit bei Mensch oder Tier, kommt die Herde ungeschmückt herunter. Ein Almabtrieb ohne Kränze ist deshalb kein Zeichen von Sparsamkeit, sondern eine stille Auskunft über den Sommer.
Eine Besonderheit spielt sich am Königssee ab. Die Saletalm am Südufer des Königssees und die Fischunkelalm am Obersee sind über Land schwer oder gar nicht erreichbar. Deshalb fahren die Kühe mit den Hirten auf flachen Booten, den Landauern, über den See zur Seelände. Etwa 30 Kühe machen die rund einstündige Überfahrt, nach Angaben des Tourismusverbands einmalig im Alpenraum, seit etwa 100 Jahren mit Motorkraft statt mit Rudern.
Geschmückt werden die Tiere erst, wenn sie wieder festen Boden unter den Hufen haben, und auch hier nur nach einem guten Sommer. Bei den Überfahrten selbst ist nach Auskunft eines beteiligten Bauern noch nie etwas passiert; gefährlich ist eher der Sommer oben auf der Alm. Weil der Termin von den Verhältnissen auf der Alm abhängt, wird er nicht vorab veröffentlicht. Wer zuschauen will, braucht Geduld.
Im Kern ist der Almabtrieb Arbeit: Eine Herde wird über Bergwege, Forststraßen und am Ende durch den Ort zum Hof oder zum Sammelplatz gebracht. Vorneweg geht die Kranzkuh, dahinter folgen die übrigen Tiere, begleitet von Sennerinnen, Hirten und Bauern, viele in Tracht.
Um diesen Kern herum hat sich in vielen Orten ein Fest gebildet. In Krün gehören Dorffest und Bauernmarkt dazu, im Karwendel außerdem die Erntedankprozessionen der Bauernwochen, im Allgäu in den meisten Orten ein Festzelt. Anderswo, etwa an vielen Almen im Berchtesgadener Land, bleibt es ein bäuerlicher Vorgang ohne Rahmenprogramm.
Für Zuschauer gilt vor allem: Abstand zu den Tieren halten, gerade dort, wo Bauern ihr Vieh übernehmen.
Die bayerischen Almabtriebe verteilen sich über den ganzen Alpenrand:
Welcher Almabtrieb der schönste ist, lässt sich nicht seriös beantworten. Wer Ursprünglichkeit sucht, ist bei den Abtrieben ohne festen Termin richtig, wer planen will, bei den angekündigten Festen.
Der Almabtrieb fällt in die Zeit, in der auch das Erntedankfest gefeiert wird, im Karwendel sind beide sogar eng verknüpft. Wenige Wochen später folgt mit dem Leonhardiritt der nächste große Tierbrauch, dann zu Ehren des Viehpatrons. Den Gegenpol im Frühsommer bildet der Almauftrieb, und mitten im Almsommer leuchten die Sonnwendfeuer von den Gipfeln. Alle Bräuche der Saison stehen im September im Jahreskreis.
Samstag, 18. September 2027. Krün, Dorfmitte, Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Quelle: Veranstalter.
Termine nach Angaben der Veranstalter, ohne Gewähr. Kurzfristige Änderungen veröffentlichen die Gemeinden und Vereine.
In den bayerischen Alpen kommt das Vieh meist zwischen Mitte September und Mitte Oktober ins Tal, im Berchtesgadener Land rund um Michaeli am 29. September. Feste Termine gibt es nur dort, wo ein Fest daran hängt, etwa in Krün; viele Almbauern entscheiden kurzfristig nach Wetter und Futter.
Für 2027 hat die Alpenwelt Karwendel den Krüner Almabtrieb mit Dorffest und Bauernmarkt für Samstag, 18. September 2027, angekündigt. Im Berchtesgadener Land und am Königssee werden keine Termine im Voraus veröffentlicht, weil sie vom Verlauf des Almsommers abhängen.
Der Schmuck ist ein Zeichen des Danks und der Freude: Aufgekranzt wird nur, wenn den Menschen und Tieren auf der Alm über den Sommer nichts Schlimmes passiert ist. Gab es Unfälle oder Krankheit, kommt die Herde ohne Schmuck ins Tal.
Viehscheid ist der Allgäuer Name für den Almabtrieb. Im Mittelpunkt steht dort der Scheidplatz, an dem das Vieh vieler Bauern, das gemeinsam auf einer Alpe war, wieder getrennt und den Besitzern übergeben wird.
Der Almauftrieb ist das Gegenstück im Frühsommer: Das Vieh wird auf die Hochweiden getrieben, wo es über den Sommer bleibt.
Was am Scheidplatz passiert, warum das Kranzrind nur nach einem guten Sommer geschmückt wird und welche Termine 2027 schon feststehen.
SeptemberWann Erntedank gefeiert wird, was Erntekrone und Erntedankaltar bedeuten und woher der Brauch kommt. Mit Geschichte und FAQ.
OktoberBad Tölz, Kreuth, Benediktbeuern und weitere Orte, Termine November 2026, Truhenwagen, Segnung und Geschichte.
Um den 6. NovemberWoher die Feuer zur Sommersonnenwende kommen, was Johanni am 24. Juni bedeutet und wo Bergfeuer in den Alpen brennen.
JuniStand: 21. Oktober 2026. Redaktion Brauchtum in Bayern, Chinesischer Turm e.V. Hinweise und Korrekturen an servus@brauchtum-in-bayern.de.