Brauchtum in BayernBräuche, belegt erzählt
Flurdenkmäler · Ganz Bayern

Marterl, Bildstock und Wegkreuz

Was ist ein Marterl? Bedeutung, Herkunft und Formen von Marterl, Bildstock, Wegkreuz und Flurkreuz in Bayern, mit Beispielen aus Oberbayern und Franken.

Kurz gesagt

Ein Marterl ist ein kleines religiöses Flurdenkmal am Wegrand, ursprünglich ein Kreuz oder eine Bildtafel an einer Unglücksstelle, die an einen Verunglückten erinnert und Vorbeikommende um ein Gebet bittet. Der bairisch-österreichische Begriff kommt von Marter, also dem Leiden Christi und der Märtyrer. Heute bezeichnet man in Bayern mit Marterl oft alle Bildstöcke und Wegkreuze, von denen viele aus dem 17. bis 19. Jahrhundert stammen.

Man fährt an ihnen vorbei, ohne sie zu sehen. Ein Holzkreuz mit einem kleinen Blechdach an der Kreisstraße, eine verwitterte Steinsäule zwischen zwei Äckern, ein Bild hinter Glas an einer alten Linde, davor ein paar Plastikblumen. In Bayern stehen solche Zeichen in großer Zahl in der Landschaft. Man nennt sie Marterl, Bildstock, Wegkreuz oder Flurkreuz, und jedes einzelne ist von jemandem aus einem bestimmten Grund aufgestellt worden. Wer anhält und die Inschrift liest, erfährt oft eine Geschichte, die sonst nirgends mehr steht.

Was ist ein Marterl?

Im engeren Sinn ist ein Marterl ein Gedenkzeichen an der Stelle eines Unglücks. Klassisch war es ein Holzkreuz mit einer Tafel, die den Verunglückten zeigt und beschreibt, was geschehen ist, verbunden mit der Bitte an den Vorbeikommenden, für ihn zu beten. Das Landratsamt Aichach-Friedberg beschreibt Marterl als private Gedenkzeichen an Unfall- und Unglücksstellen, die an ein glückliches oder, häufiger, an ein tragisches Ereignis erinnern und bis heute errichtet werden.

Im Alltag ist der Begriff längst weiter geworden. Wer in Oberbayern oder im Allgäu von einem Marterl spricht, meint oft jeden kleinen Bildstock und jedes Wegkreuz. Der Sprachgebrauch schwankt von Ort zu Ort, und neben Marterl hört man Materl, Bildstöckl oder einfach Kreuz. Für den Spaziergänger reicht die Faustregel: Ein Marterl erinnert meist an einen Menschen, ein Bildstock zeigt meist einen Heiligen.

Woher kommt das Wort Marterl?

Marter ist das alte Wort für Folter und Leiden, im religiösen Sinn für das Leiden Christi und der Märtyrer. Es geht auf das griechische mártys zurück, das Zeuge oder Blutzeuge bedeutet. Im 15. Jahrhundert bezeichnete Marter vor allem Darstellungen der Passion. Die bairische Verkleinerung Marterl übertrug den Namen auf die kleinen Andachtszeichen am Weg, von denen viele den Gekreuzigten zeigen.

Welche Arten von Flurdenkmälern gibt es?

Die Volkskunde fasst Marterl, Bildstöcke und Kreuze unter dem Oberbegriff Flurdenkmal zusammen. Im Einzelnen lassen sich unterscheiden:

Form Kennzeichen typischer Anlass
Marterl Kreuz oder Bildtafel, oft mit Inschrift und Darstellung des Geschehens Unfall, plötzlicher Tod, Rettung
Bildstock Säule oder Pfeiler aus Holz oder Stein mit Andachtsbild, oft in einer Nische Gelübde, Dank, Fürbitte an einen Heiligen, Wegzeichen
Wegkreuz, Feldkreuz Kruzifix an Weg, Kreuzung oder Feldrand Dank für Rettung, Schutz vor Unheil, Gedenken
Flurkreuz, Wetterkreuz Kreuz in der Feldflur, Ziel von Flurumgängen Bitte um gutes Wetter und reiche Ernte
Sühnekreuz grobes Steinkreuz, meist ohne Bild Buße nach Mord oder Totschlag im Mittelalter

Ein Marienbildstock ist ein Bildstock mit einer Darstellung der Muttergottes, eine der häufigsten Formen überhaupt. Dazu kommen Pestsäulen und Wegkapellen, die in Größe und Aufwand schon zur kleinen Kirchenarchitektur zählen. Ein naher Verwandter in Niederbayern und der Oberpfalz ist das Totenbrett, das ebenfalls am Wegrand an einen Verstorbenen erinnert.

Wie alt sind Marterl und Bildstöcke?

Bildliche Zeugnisse von Bildstöcken gibt es seit dem 14. Jahrhundert, den ersten urkundlichen Beleg für das Wort Bildstock nennt die Gemeinde Aying für das Jahr 1490. Marterl im engeren Sinn sind seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Ihre Blütezeit erlebten die Bildstöcke in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Der Dreißigjährige Krieg zerstörte viele davon, im 17. und 18. Jahrhundert sorgten Bruderschaften für neue.

Mit der Aufklärung kam der Gegenwind. Der Staat beschränkte Wallfahrten, und 1803 ordnete ein bayerischer Erlass nach Angaben der Obermenzinger Ortschronik an, die als „abschreckend häßlich“ empfundenen Marterl zu entfernen. Die ländliche Frömmigkeit war hartnäckiger als die Verwaltung, nach dem Ende der Verbote entstanden neue Kreuze. Seit dem späten 19. Jahrhundert erinnern Marterl auch an Verkehrsunfälle. Eine zweite Bedrohung brachte die Flurbereinigung der 1970er Jahre. Dass viele Flurdenkmäler sie überstanden haben, ist nach Darstellung des Landratsamts Aichach-Friedberg vor allem der Landbevölkerung zu verdanken, die sich für ihren Erhalt einsetzte.

Warum hat man Marterl aufgestellt?

Die Gründe sind so verschieden wie die Menschen, die sie errichtet haben. Häufig ist es das Gedenken an einen plötzlichen Tod durch Unfall oder Gewalt, an der Stelle, an der er geschah. Angehörige legen dort bis heute Zweige oder Blumen nieder. Andere Marterl danken für eine Rettung oder lösen ein Gelübde ein. Wegkreuze an Kreuzungen hatten im Mittelalter eine Schutzfunktion, denn Wegkreuzungen galten als gefährliche Orte, an denen das Böse lauerte. Wetter- und Hagelkreuze sollten Unwetter von den Feldern fernhalten, und Sühnekreuze musste im Mittelalter ein verurteilter Totschläger am Tatort errichten.

Wie lebendig das bis heute ist, zeigen die Beispiele aus Aying im Landkreis München. Dort steht ein Gedenkmarterl für einen 1899 erschlagenen Mann, in Peiß erinnern seit 1997 Bronzefiguren der Emmausjünger an einen Verkehrstoten, und in Dürrnhaar stellte eine Familie 2003 ein Bildstöckl auf, als Dank für eine sichere Heimkehr aus dem Golfkrieg von 1990.

Marterl im Kirchenjahr

Flurdenkmäler sind keine bloßen Erinnerungsstücke, sondern Stationen. An Flurkreuzen hielten die Flurumgänge an Christi Himmelfahrt, und vielerorts wird am Markustag, dem 25. April, an solchen Kreuzen der Wettersegen gespendet. In Seßlach im Landkreis Coburg war ein Marterl von 1591 die erste Station der Prozession an Fronleichnam, und ein Bildstock von 1688 war fester Haltepunkt des Flurumgangs, bei dem die Pfarrei im Frühjahr um Segen für die Feldfrüchte bat. Verwandt ist das Totengedenken an Allerheiligen, wenn auf dem Friedhof die Gräber geschmückt werden: Das Marterl ist gewissermaßen das Grabzeichen am Ort des Todes.

Franken: Land der Bildstöcke

In ganz Bayern stehen Marterl, doch Franken gilt als besonders dichte Bildstocklandschaft. Die Seßlacher Stadtführung beschreibt einen Marterl-Weg mit zwölf Stationen, darunter ein Bildhäuschen von 1712 mit einem Relief von 1520, ein Xaveriuskreuz von 1733 gegen Blitz und Unwetter und ein Pestkreuz aus einer Zeit mit Heuschrecken, Hunger und Viehseuche. Die Seßlacher Bildstöcke folgen einem wiederkehrenden Aufbau aus Sockel, Säule und einem Aufsatz mit Relief oder Kreuz, manche mit Nischen für Heiligenfiguren. Der Bildstock von 1543 an der Nepomukbrücke trägt das Wappen des Würzburger Fürstbischofs Melchior Zobel, der Seßlach 1552 an die protestantischen Lichtensteiner verpfändete; rund zwanzig Jahre blieb der Ort danach evangelisch. Mehr zum Unterschied der Landschaften bietet der Überblick über Franken.

Was man vor einem Marterl beachten sollte

Marterl stehen fast immer auf fremdem Grund und gehören jemandem: einer Familie, einem Hof, einer Pfarrei oder der Gemeinde. Man fasst sie nicht an, nimmt nichts mit und stellt nichts ab, was nicht dorthin gehört. Wer den Text einer verwitterten Tafel entziffert, liest dabei manchmal eine kleine Dorfgeschichte in wenigen Zeilen. Sammler wie Ludwig von Hörmann haben solche Marterl- und Grabinschriften aufgeschrieben und als Buch veröffentlicht, bevor Wetter und Zeit sie löschen konnten. Weitere Bräuche zwischen Geburt und Tod versammelt die Rubrik Lebenslauf.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Marterl und Bildstock?

Ein Bildstock ist eine Säule oder ein Pfeiler aus Holz oder Stein mit einem gemalten oder geschnitzten Andachtsbild. Ein Marterl war ursprünglich enger gefasst: ein Kreuz oder eine Bildtafel an einem Unglücksort, oft mit einer Darstellung des Geschehens. Im bayerischen Sprachgebrauch werden beide Wörter heute weitgehend gleichbedeutend verwendet.

Warum heißt es Marterl?

Das Wort ist eine bairisch-österreichische Verkleinerungsform von Marter. Es geht über Märtyrer auf das griechische mártys zurück, das Zeuge oder Blutzeuge bedeutet. Im 15. Jahrhundert meinte Marter vor allem Darstellungen der Passion Christi.

Werden heute noch Marterl aufgestellt?

Ja. Angehörige errichten bis heute Kreuze an Unfallstellen, und seit dem späten 19. Jahrhundert erinnern Marterl auch an Verkehrstote. Daneben entstehen neue Bildstöcke als Dank, etwa 2003 in Dürrnhaar bei Aying für eine glückliche Heimkehr aus dem Golfkrieg. Die Form ist oft moderner, der Anlass derselbe wie vor Jahrhunderten.

Was ist ein Wegkreuz?

Ein Wegkreuz steht an einem Weg, an einer Kreuzung oder am Feldrand, meist als Kruzifix aus Holz, Stein oder Metall. Errichtet wurde es nach Unglücks- und Todesfällen, aus Dank für eine Rettung oder zum Schutz vor Unheil. Steht es in der Feldflur und dient Flurumgängen, spricht man auch vom Flurkreuz oder Feldkreuz.

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