Allerheiligen und Allerseelen in Bayern
Allerheiligen in Bayern: warum der 1. November stiller Feiertag ist, was Gräbersegnung und Seelenzopf bedeuten und worin sich Allerseelen davon unterscheidet.
NovemberTotenbretter im Bayerischen Wald und in der Oberpfalz: vom Aufbahrungsbrett zum Gedenkzeichen am Wegrand, Inschriften, Sprüche, Volksglaube und Standorte.
Totenbretter sind beschriftete Holzbretter, auf denen früher Verstorbene bis zum Begräbnis aufgebahrt wurden und die danach zur Erinnerung am Wegrand, an Kapellen oder Feldkreuzen aufgestellt wurden. Der Brauch ist heute vor allem im Bayerischen Wald und im Oberpfälzer Wald lebendig, inselartig auch in Teilen Oberbayerns. Gedenkbretter mit Name, Lebensdaten und Spruch werden dort bis heute neu aufgestellt.
Man sieht sie oft erst auf den zweiten Blick: eine Reihe schmaler, hoher Bretter unter einer Baumgruppe, an einer Feldkapelle oder an einer Wegkreuzung, manche frisch bemalt, andere grau und rissig, als würden sie sich langsam in den Waldboden zurückziehen. Wer stehen bleibt, liest Namen, Jahreszahlen und kleine Verse. Totenbretter gehören zu den eigenwilligsten Zeugnissen bayerischer Volksfrömmigkeit, und sie sind ein Brauch, der eigentlich vom Verfall lebt.
Ein Totenbrett ist ein Holzbrett, auf dem früher ein Verstorbener bis zum Begräbnis aufgebahrt wurde. Nach der Beerdigung wurde es beschriftet und zur Erinnerung am Wegrand aufgestellt. Regional heißt es auch Leichenbrett, Reebrett oder Rechbrett. Heute liegt auf den Brettern niemand mehr, sie sind reine Gedenkzeichen geworden, die zur Familie der Flurdenkmäler gehören wie Wegkreuze, Marterl und Feldkapellen.
Ein Totenbrett steht in der Regel nicht über dem Grab. Der Verstorbene liegt auf dem Friedhof, das Brett erinnert an einem anderen Ort an ihn, oft dort, wo er gelebt oder gearbeitet hat. Echte Totenbretter sind bis zu zwei Meter lang und etwa 40 Zentimeter breit, also ungefähr so groß wie ein Mensch.
Lange gab es auf dem Land weder Leichenhäuser noch Särge für alle. Der Tote wurde in ein Leinentuch genäht und auf ein Brett gelegt, das in der Stube zwischen zwei Stühlen oder auf einer Bank stand. Dort hielt man Totenwache. In abgelegenen Orten konnte der Verstorbene im Winter Wochen auf dem Brett liegen, bis der Weg zum Friedhof wieder frei war.
Zum Grab trug man ihn auf demselben Brett. Am Grab ließ man ihn mitsamt Brett hinab oder schob ihn schräg hinein und zog das Brett dann heraus, sodass der Körper in die Grube rutschte. Daher stammt die Redensart, jemand sei vom Brettl g'rutscht, wenn er gestorben ist. Blieb das Brett nicht im Grab, wurde es verbrannt, für den nächsten Todesfall aufbewahrt oder eben zum Totenbrett gemacht.
Mit der Sargbestattung änderte sich das. In Bayern setzten sich Särge im 17. und 18. Jahrhundert durch, allgemein um 1800, teils auf behördliche Anordnung. Das Aufbahrungsbrett verlor seine Funktion beim Begräbnis, das Gedenkbrett blieb. Es dauerte, bis aus ihm ein beschriftetes Erinnerungsmal wurde: Die ältesten Formen trugen nur drei Kreuze, eingeschnitten, eingebrannt oder aufgemalt, auf der Seite, auf der der Tote gelegen hatte.
Wer Totenbretter vergleicht, bemerkt schnell einen regionalen Unterschied. In der Oberpfalz sind die Bretter oft waagrecht angebracht, etwa an einer Stadelwand, und eher schlicht gestaltet. Im Bayerischen Wald stehen sie senkrecht, häufig mit einem kleinen Giebeldach und kräftigen Farben. Man nimmt an, dass die liegende Form die ältere ist und der Wechsel zur stehenden sich von Süden nach Norden ausbreitete. In der Oberpfalz dürften sich auch die ältesten erhaltenen Exemplare finden.
Im 19. Jahrhundert war der Brauch im gesamten bairischen und alemannischen Raum verbreitet. Heute gibt es Totenbretter vor allem im Bayerischen Wald und im Oberpfälzer Wald, inselartig auch zwischen Lech und Ammersee in den Landkreisen Fürstenfeldbruck und Landsberg, im Chiemgau, im Traungau und im Rupertiwinkel. Im südöstlichen Oberbayern entstanden kürzere Gedenkbretter von höchstens etwa 150 mal 30 Zentimetern, die oft allgemeine Sinnsprüche statt eines Namens tragen.
Die Inschrift ist das, was Totenbretter so lesenswert macht. Üblich sind Name, Geburts- und Sterbedatum, ein Kreuz und ein frommer Spruch. Viele Verse sind gereimt, manche verbinden tiefen Ernst mit derbem Humor, und fast immer richten sie sich an den, der vorbeigeht: Er möge für den Toten ein Vaterunser beten. Wo in der Familie niemand schreiben konnte, blieb es bei den drei Kreuzen.
Ein häufiger Typ von Totenbretter-Sprüchen spricht aus der Perspektive der Toten. Auf einem Gedenkbrett bei Grafrath heißt es etwa: „Das was ihr seid, das waren wir.“ Andere Bretter halten nüchtern fest, dass auf diesem Brett ein bestimmter Mensch zur Beerdigung geruht hat, mit Beruf und Hof. Für die Beschriftung und Bemalung brauchte es eigene Handwerker: Schreiner, Maler und Hinterglasmaler, im Volksmund Totenbrettlmacher.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Bretter aufwendiger, mit Schnitzereien und farbiger Malerei. Gelegentlich gestalteten Menschen ihr Totenbrett schon zu Lebzeiten selbst. Der Schriftsteller Siegfried von Vegesack etwa hat Grab und Totenbrett im Wald bei der Burg Weißenstein bei Regen.
Dass Totenbretter verwittern, ist kein Versehen, sondern gehörte ursprünglich zum Sinn. Nach katholischem Volksglauben fand die Seele des Verstorbenen erst Erlösung aus dem Fegefeuer, wenn sein Brett verfallen war. Deshalb nahm man Weichholz, meist Fichte, und ließ es ungeschützt im Wetter stehen. Je schneller das Brett zerfiel, desto schneller kam der Tote in den Himmel, so jedenfalls die Vorstellung.
Dazu kam das Gebet der Vorübergehenden. Wer an einem Totenbrett vorbeikam, betete oder bekreuzigte sich, und auch das sollte der armen Seele helfen. Die künstlerisch gestalteten, gepflegten Bretter des 19. Jahrhunderts gelten als Abkehr von diesem Glauben. Vereinzelt wird auch berichtet, dass alte Totenbretter als Steg über einen Bach dienten. Das Gedenken an die armen Seelen hat im Kirchenjahr seinen festen Platz an Allerheiligen und Allerseelen, ein Grund, warum der November als Monat der Toten gilt.
Nicht jeder fand die Bretter erbaulich. 1895 wies das Bezirksamt Vohenstrauß die Polizeibehörden an, neue Totenbretter an Distriktstraßen und Gemeindewegen zu verbieten. Begründung: Die alten lägen verfault herum, verschönerten die Gegend nicht, und Pferde seien vor ihnen schon gescheut. Der Erlass zeigt nebenbei, wie zahlreich die Bretter damals waren, in einzelnen Pfarreien zählte man Hunderte.
Ganz verdrängt wurde der Brauch nicht, aber er schrumpfte. In Kemnath im Landkreis Tirschenreuth, das Heimatforscher die Stadt der Totenbretter nennen, hingen bis in die 1930er-Jahre rund 50 liegende Bretter an einem Stadel, das älteste lesbare stammt von 1868. Mit dem Zweiten Weltkrieg endete der Brauch dort. Später verschwanden viele Bretter bei der Flurbereinigung, manche wurden an Ort und Stelle verbrannt. 1975 zählte man im alten Landkreis Vohenstrauß noch 32 Totenbretter.
Seit einigen Jahrzehnten erleben Totenbretter an manchen Orten eine Renaissance. Familien stellen wieder Gedenkbretter auf, mitunter als Familientradition über Generationen. Einzelne Schreiner und Hobbyhandwerker im Bayerischen Wald fertigen sie auf Bestellung, vom Rohholz bis zur handgemalten Schrift. Wer ein Totenbrett kaufen und aufstellen möchte, sollte den Standort vorher mit Grundeigentümer und Gemeinde klären.
Die folgenden Orte sind in Quellen als Standorte genannt. Einzelne Bretter können verschwunden oder ersetzt worden sein, gerade das gehört zum Wesen des Brauchs.
| Ort | Landkreis | Hinweis |
|---|---|---|
| Regen, Kalvarienberg | Regen | Totenbrettergruppe |
| Bodenmais | Regen | Bretter mit Gedenkkreuz |
| Burg Weißenstein bei Regen | Regen | Grab und Brett von Siegfried von Vegesack |
| Neukirchen beim Heiligen Blut | Cham | Bretter in Reihe |
| Arrach | Cham | Kulturführung „Vom Brett'l grutscht“ |
| Sankt Englmar | Straubing-Bogen | Bretter am Weg |
| Burgruine Runding | Cham | Bretter am Weg |
| Kemnath, Schulstraße | Tirschenreuth | historische Stadt der Totenbretter |
| Ödschönlind bei Bärnau | Tirschenreuth | neu aufgestellt an einem Blechkreuz |
| Etzgersrieth | Neustadt an der Waldnaab | Familienbretter an der Straße |
Wer durch den Bayerischen Wald wandert, findet darüber hinaus an vielen Weggabelungen eigene kleine Gruppen. Weitere Bräuche rund um Geburt, Hochzeit und Tod versammelt die Rubrik Lebenslauf, die Landschaften selbst stellt die Seite zu Altbayern vor. Für das Münchner Gegenstück, vom Leichenschmaus bis zum Friedhofsbesuch, lohnt ein Blick auf das Totenbrauchtum in München.
Auf den meisten Totenbrettern stehen Name, Geburts- und Sterbedatum des Verstorbenen, dazu ein Kreuz und oft ein kurzer Spruch. Die ältesten Bretter trugen nur drei eingeschnittene oder aufgemalte Kreuze. Viele Sprüche sind gereimt und bitten die Vorübergehenden um ein Vaterunser.
Nach einem verbreiteten Volksglauben fand die Seele des Verstorbenen erst Erlösung aus dem Fegefeuer, wenn sein Brett verfallen war. Deshalb verwendete man Weichholz wie Fichte und ließ die Bretter ungeschützt im Wetter stehen. Die aufwendig bemalten Bretter des 19. Jahrhunderts gelten als Abkehr von dieser Vorstellung.
Totenbretter stehen etwa am Kalvarienberg in Regen, in Bodenmais, in Neukirchen beim Heiligen Blut, in Sankt Englmar und bei der Burgruine Runding. In Arrach gibt es eine Kulturführung zu Totenbrettern und Marterln. In der Oberpfalz sind Kemnath, Ödschönlind bei Bärnau und die Gegend um Vohenstrauß bekannt.
Heute fertigen einzelne Schreiner, Holzbildhauer und Maler im Bayerischen Wald Totenbretter auf Bestellung, vom Rohholz bis zur handgemalten Beschriftung. Aufgebahrt wird darauf niemand mehr, die Bretter sind reine Gedenkzeichen. Wer eines aufstellen möchte, sollte vorab mit Grundeigentümer und Gemeinde sprechen.
Allerheiligen in Bayern: warum der 1. November stiller Feiertag ist, was Gräbersegnung und Seelenzopf bedeuten und worin sich Allerseelen davon unterscheidet.
NovemberMetzgersprung am Münchner Fischbrunnen: wie Metzgerlehrlinge freigesprochen werden, woher der Brauch kommt, der Dreijahresturnus und der Sprung in Salzburg.
SeptemberBrautentführung bei der bayerischen Hochzeit: wie Brautstehlen und Brautverziehen ablaufen, wer im Wirtshaus auslöst und welche Hochzeitsbräuche dazugehören.
Am Hochzeitstag, meist währeFensterln in Bayern: was Kammerfensterln bedeutet, woher der nächtliche Werbebrauch kommt, was Mythos und was belegt ist und was davon heute noch übrig ist.
Kein fester Termin, nächtlicStand: 21. Oktober 2026. Redaktion Brauchtum in Bayern, Chinesischer Turm e.V. Hinweise und Korrekturen an servus@brauchtum-in-bayern.de.