Brauchtum in BayernBräuche, belegt erzählt
Tracht · Altbayern, Schwaben

Trachtenhut

Trachtenhut in Bayern: Miesbacher Scheibling, Werdenfelser und Chiemgauer Hut, Priener Hut für Frauen, dazu Gamsbart, Adlerflaum und Spielhahnfeder erklärt.

Kurz gesagt

Der Trachtenhut ist die Kopfbedeckung der alpenländischen Tracht in Bayern, bei Männern meist ein grüner Velourshut, dessen Form von Region und Verein abhängt, etwa der flache Miesbacher Scheibling oder der hohe Chiemgauer Spitzhut. Geschmückt wird er mit Gamsbart, Adlerflaum, Spielhahn- oder Adlerfeder, innerhalb eines Trachtenvereins einheitlich. Frauen tragen eigene Formen wie den Miesbacher Hut oder den Priener Hut mit Goldquasten.

Ein Trachtler aus Miesbach und einer aus Aschau stehen nebeneinander, beide in Lederhose, beide mit grünem Hut. Ein Kenner sagt trotzdem nach einem Blick, wer woher kommt. Der eine trägt einen flachen, oben eingedrückten Hut mit Gamsbart, der andere einen hohen Spitzhut mit Spielhahnfeder. Am Trachtenhut lässt sich in Bayern mehr ablesen als an jedem anderen Teil des Gwands: Gegend, Verein, manchmal sogar Familienstand. Und, wenn man der Überlieferung glaubt, die Laune des Trägers.

Was ist ein Trachtenhut?

Unter Trachtenhut versteht man in Bayern die Hüte, die zur ländlichen Tracht gehören, im Gegensatz zur adligen und bürgerlichen Hutmode. Diese enge Bedeutung hat sich lange eingebürgert, wie der Bezirksheimatpfleger von Oberbayern im Vorwort zum Ausstellungskatalog Haube und Hut, schön und gut anmerkt. Kopfbedeckungen selbst sind in Bayern uralt: Aus der Jungsteinzeit, vom Fundplatz Pestenacker, stammt ein Spitzhut aus Flachsgeflecht mit Baststreifen, datiert auf 3491 vor Christus.

Der Trachtenhut, wie man ihn heute kennt, ist viel jünger. Die oberbayerischen Gebirgstrachten bildeten sich um 1900 mit den Trachtenvereinen heraus, und mit ihnen wurden auch die Hutformen festgelegt. Seitdem gilt: Der Verein bestimmt, welcher Hut zu seiner Tracht gehört. Wie die Vereine die gesamte Tracht geprägt haben, beschreibt die Seite zur bayerischen Tracht.

Wie vielfältig das Angebot vorher war, zeigt eine Katalogliste des Münchner Trachtenhauses Julius Wallach von 1908. Sie führt Männerhüte unter Namen wie Berchtesgaden, Allgäu, Miesbach, Werdenfels, Isarwinkel, Gaißach, Wackersberg und Lenggries, dazu einen Wilderer mit Adlerkeil. Bei den Frauen finden sich unter anderem Hüte aus Tegernsee, Schliersee, dem Achental und dem Inntal.

Trachtenhüte für Herren: die wichtigsten Hutformen

Der Männerhut der oberbayerischen Gebirgstracht ist meist grün und aus Velours, einem Filz mit samtig gebürsteter Oberfläche. Er wird gerade auf dem Kopf getragen und hat als Garnitur zwei oder drei Kordeln. Die Form unterscheidet sich nach Gegend:

Hutform Gebiet Merkmale
Scheibling (Miesbacher Hut) Oberland um Miesbach, verbreitet bis München flach, nach dem Vorbild der Melone, oben eingedrückt, leicht nach vorn geneigt getragen, aus Hasenhaarfilz, auch in Wolle
Werdenfelser Hut Werdenfelser Land zwischen Mittenwald und Farchant dunkelgrüner Velours, relativ flach, zum Fest mit Flaum, Schneidhackl, Gamsbart oder Adlerfeder
Aschauer Hut, Chiemgauer Spitzhut Chiemgau spitz und hoch, oft seitlich leicht eingedrückt, grüner Velours
Rundscheibling ursprünglich Berchtesgaden, auch im Chiemgau runde Form; in der Ramsau tragen die Männer einen runden Hut mit einem Büschel Gamsbart
Allgäuer Hut, der Spitz Allgäu spitz zulaufender, runder Kopf, mit Gamsbart oder Spielhahnfeder

Daneben gibt es Formen, die nur ein einziger Verein trägt, etwa den Hohenaschauer Stopselhut der Griabinga in Hohenaschau. Für den Werktag waren einfachere Wollhüte üblich, für die Freizeit der Burschen auch der Strohhut: Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert steckten junge Männer in Bayern, Tirol und Salzburg eine gerade weiße Hahnenfeder daran, die Schneidfeder. Schneid heißt auf Bairisch Mut, und um die Feder wurde nicht selten gerauft.

Trachtenhüte für Damen: Miesbacher Hut, Priener Hut, Schnurhut

Frauen tragen zur Tracht eigene Hüte, die oft aufwendiger gearbeitet sind als die der Männer. Zur Miesbacher Mädchentracht gehört ein flacher grüner Hut, außerhalb Miesbachs gern mit Adlerflaum. Der Schnurhut ist ein schwarzer Hut mit goldfarbener Schnürung, getragen von verheirateten Frauen und zu hohen kirchlichen Festen. Im Werdenfelser Land ähnelt der Frauenhut dem Miesbacher Scheibling.

Der bekannteste Frauenhut Oberbayerns ist der Priener Hut aus dem Chiemgau. Er hat eine niedrige Zylinderform, ist mit schwarzem Zylinderplüsch bezogen und trägt zwei goldene Quasten, Goldborten und oft lange Samtbänder. Ein Exemplar im Heimatarchiv Schnaitsee ist ausführlich dokumentiert: Hasenhaarfilz, Goldstickerei auf der Krempenunterseite, im Kopf ein Etikett mit der Aufschrift „Allein echter Priener Bauernhut“. Die heutige Form geht nach Angaben des Archivs auf die Prienerin Anna Brunhuber zurück und entstand ab etwa 1879. In die Trachtenvereine fand der Hut erst um 1920. Heute gehört er zur Chiemgauer und Inntaler Frauentracht, ältere verheiratete Frauen tragen ihn mit besticktem Samt- oder Taftband.

Wie lebendig das Handwerk war, zeigt ein Frauenhut aus Weißbach bei Wonneberg im Museum Europäischer Kulturen in Berlin: brauner Plüschsamt, Metallkantillen, Pailletten und Glassteine, mit Moiréebändern unter dem Kinn gebunden, getragen zwischen 1940 und 1965.

Gamsbart, Adlerflaum, Spielhahnfeder: der Hutschmuck

Der Hutschmuck ist das eigentliche Erkennungszeichen. Er wird über eine Hülse oder Halterung am Hut befestigt und unterscheidet sich nach Region und Verein, innerhalb eines Vereins ist er einheitlich. Die wichtigsten Formen:

  • Gamsbart: gebunden aus den langen Rückenhaaren, dem Aalstrich, erwachsener Gamsböcke. Die hellen Haarspitzen heißen Reif, je gleichmäßiger der Reif, desto wertvoller der Bart.
  • Adlerflaum: die Flaumfedern des Adlers. In Miesbach selbst ist er eigentlich nicht üblich, in München und Umgebung dafür weit verbreitet.
  • Adlerfeder: eine einzelne Feder, bei Männern vor allem im Werdenfelser Land, bei Frauen in vielen Gegenden.
  • Spielhahnfeder: die Schwanzfedern des Birkhahns, den Jäger Spielhahn nennen. Das Birkhuhn ist in Deutschland seit 2002 streng geschützt und wird nicht bejagt, in Bayern gilt es als vom Aussterben bedroht.
  • Roagaspitz und Reiherfedern: im Miesbacher Raum je nach Verein.

Dazu kommen Abzeichen. Erlaubt sind in den Trachtenrichtlinien meist nur wenige Vereins-, Ehren- oder Gauverbandsnadeln, Anstecker in Massen gelten als Wanderhut, nicht als Trachtenhut. In der Miesbacher Tracht richten sich Zahl und Größe der Abzeichen nach Alter und Ansehen des Trägers, im Chiemgau dürfen Preise vom Preisplattln den Hut zieren, solange sie nicht zu groß sind. Zum Fest steckt man außerdem eine Blume oder etwas Grün hinter die Kordel.

Eine Regel aus dem Oberland verdient besondere Erwähnung: Ein nach vorn geneigter Gamsbart oder eine nach vorn geneigte Feder galt als Zeichen, dass der Träger zum Raufen bereit ist. Ähnlich zeichenhaft war Hutschmuck beim Haberfeldtreiben: Den Haberfeldmeister erkannte man nach der Überlieferung an zwei weißen Hahnenfedern am Hut.

Wie wird ein Gamsbart gebunden?

Das Binden eines Gamsbarts ist ein seltenes Handwerk. Der Binder sortiert die Haare, kämmt die Unterwolle aus und ordnet die Haare nach Länge in Bündel, von etwa 6,5 bis 17 Zentimetern in Halbzentimeterschritten. Haare ohne hellen Reif heißen blind und fliegen raus. Die Bündel werden Reihe für Reihe um einen Stab gebunden, sodass alle Spitzen auf exakt einer Höhe liegen. Am Ende öffnet sich der Bart zu seiner runden Form und wird in eine verzierte Metallhülse gesetzt.

Ein Binder aus dem Salzburger Land rechnet für einen durchschnittlichen Gamsbart mit 30 bis 40 Arbeitsstunden und den Haaren von vier bis fünf Gamsböcken. Das Sammeln der Haare dauert Jahre. Andere Quellen nennen je nach Größe eine bis zehn Gämsen pro Bart. Kein Wunder, dass große Bärte zu den teuersten Teilen der Tracht gehören. Günstiger sind Wildbärte aus anderen Haaren, etwa der Hirschbart, dessen Reif bis zu zwei Zentimeter lang sein kann, oder der Dachsbart, der auch am Charivari hängt. Wer die besten Bärte sehen will: Bartbinder messen sich jedes Jahr in Vergleichswettbewerben, der bekannteste ist die Gamsbart-Olympiade in Mittenwald.

Hut auf, Hut ab: die Trageregeln

Der Trachtenhut wird bei den Männern behandelt wie eine Uniformmütze. Er bleibt drinnen wie draußen auf dem Kopf und wird nur beim Betreten der Kirche und bei kirchlichen Handlungen im Freien abgenommen. Fahnenträger und stehende Musiker bilden in vielen Vereinen Ausnahmen. Frauen dagegen behalten ihren Hut nach den Richtlinien etwa des Gauverbands Nordamerika auch in der Kirche auf. Beim Preisplatteln zählt der korrekte Sitz übrigens mit, mehr dazu beim Schuhplattler.

Bleibt die Frage, die jedes Jahr vor dem Oktoberfest gestellt wird: Gehört ein Hut zum Dirndl? Zur Vereinstracht der Frauen in vielen Gegenden ja, zum modischen Wiesn-Dirndl eher nicht. Wie ernst das genommen wird, zeigen ausgerechnet die Trachtler in Amerika: Der Gauverband Nordamerika schreibt in seinen Richtlinien, ein Dirndl sei keine Tracht und gehöre nie mit einem Trachtenhut kombiniert. Auch Männer ohne vollständige Tracht, etwa im karierten Hemd, sollen dort einen anderen alpenländischen Hut tragen. Der Hut zum Oktoberfest ist also meistens ein Trachtenmodehut, kein Trachtenhut, und das ist völlig in Ordnung, solange man ihn nicht für einen hält.

Wer sich für die Vereinsseite interessiert, findet beim Trachtenverein mehr zu Gauverbänden und Trachtenordnungen. Weitere Themen rund um Gwand, Musik und Tanz sammelt die Rubrik Tracht, Musik und Tanz, und einen Überblick über die Region, in der fast alle diese Hutformen zu Hause sind, gibt die Seite zu Altbayern.

Häufige Fragen

Womit sind in Bayern die Trachtenhüte der Männer geschmückt?

Üblich sind der Gamsbart aus den Rückenhaaren der Gämse, Adlerflaum, Adlerfedern, Spielhahnfedern vom Birkhahn und je nach Gegend auch Reiherfedern. Welcher Schmuck gilt, legt der Trachtenverein fest, innerhalb eines Vereins tragen ihn alle gleich. Dazu kommen wenige Vereins- oder Ehrenabzeichen.

Was kostet ein Gamsbart?

Einen festen Preis gibt es nicht, denn ein Gamsbart ist Handarbeit aus einem Naturmaterial. Für einen Bart werden die Haare von mehreren Gamsböcken verarbeitet, ein Binder rechnet mit 30 bis 40 Stunden Arbeit. Große Bärte mit langem hellem Reif gehören deshalb zu den teuersten Stücken der Tracht, ein Hirschbart ist deutlich günstiger.

Wie trägt man einen Gamsbart richtig?

Der Gamsbart steckt in einer Metallhülse am Hut, wo genau, richtet sich nach Region und Verein. Nach der Überlieferung in der Miesbacher Tracht galt ein nach vorn geneigter Bart oder eine nach vorn geneigte Feder als Zeichen der Rauflust. Wer friedlich bleiben will, achtet also auf die Neigung.

Nimmt man den Trachtenhut in der Kirche ab?

Männer nehmen den Trachtenhut beim Betreten einer Kirche und bei kirchlichen Handlungen im Freien ab, sonst bleibt er wie eine Uniformmütze auf dem Kopf. Für Fahnenträger und stehende Musiker gelten Ausnahmen. Frauen behalten ihren Hut in der Regel auch in der Kirche auf.

Passt ein Trachtenhut zum Dirndl?

Zur Frauentracht gehört in vielen Gegenden ein eigener Hut, etwa der Miesbacher Hut oder der Priener Hut. Zum modischen Dirndl, wie es auf der Wiesn getragen wird, gehört er dagegen nicht. Der Gauverband Nordamerika etwa rät in seinen Trachtenrichtlinien ausdrücklich davon ab, ein Dirndl mit einem Trachtenhut zu kombinieren.

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