Brauchtum in BayernBräuche, belegt erzählt
Totenbrauchtum · Ganz Bayern

Leichenschmaus

Leichenschmaus in Bayern: was Leichentrunk, Kremess und Totenmahl bedeuten, wer einlädt und zahlt, dazu Aufbahrung, Rosenkranz und Sterbebilder erklärt.

Kurz gesagt

Der Leichenschmaus ist das gemeinsame Essen der Trauergäste nach der Beerdigung, zu dem die Familie des Verstorbenen einlädt, meist ins Wirtshaus des Ortes. In Süddeutschland heißt er auch Leichentrunk, in Altbayern Kremess. Er beschließt in Bayern eine Abfolge von Bräuchen, die mit Aufbahrung und Rosenkranz beginnt und über das Requiem mit Sterbebildern zum Grab führt.

Die Glocken haben ausgeläutet, am Grab ist das letzte Weihwasser gesprengt, und dann geht man nicht einfach heim. Man geht hinüber zum Wirt. Dort sind die Tische schon eingedeckt, die Bedienung kennt den Anlass, und nach der ersten Viertelstunde gedämpfter Gespräche erzählt jemand die Geschichte, wie der Verstorbene einmal mit dem Bulldog im Graben gelandet ist. Es wird gelacht, und keiner findet das unpassend. Der Leichenschmaus ist der Moment, in dem eine Trauergemeinde wieder zu einer Tischgesellschaft wird.

Was ist ein Leichenschmaus?

Der Leichenschmaus ist das gemeinsame Essen nach der Beerdigung. Die Familie des Verstorbenen lädt ein, bezahlt wird häufig aus dem Nachlass. Im Kulturvergleich gilt das Totenmahl als der am weitesten verbreitete Bestattungsbrauch überhaupt, so fasst es die Wikipedia unter Berufung auf die Fachliteratur zusammen.

Der Brauch erfüllt mehrere Zwecke zugleich. Ganz praktisch brauchten Verwandte mit weiter Anreise etwas Warmes, bevor sie den Heimweg antraten, und die Sargträger wurden eigens bewirtet. Dazu kommt der Dank an alle, die zum Requiem gekommen sind. Und schließlich ist das Mahl ein Übergang: Die Trauernden werden wieder in die Gemeinschaft aufgenommen, das Leben geht weiter, und das Erzählen von Erinnerungen holt den Toten noch einmal an den Tisch.

Leichentrunk, Kremess, Totenmahl: die vielen Namen

Kaum ein Brauch hat im deutschen Sprachraum so viele Namen. In Süddeutschland sagt man Leichentrunk oder Leichtrunk, für Altbayern verzeichnet die Wikipedia auch Kremess. Weitere Bräuche zwischen Taufe, Hochzeit und Tod sammelt die Rubrik Lebenslauf. Wer nach einem anderen Wort für Leichenschmaus sucht, findet in der Wikipedia und bei evangelisch.de unter anderem diese Namen:

Bezeichnung Gebrauch
Leichentrunk, Leichtrunk Süddeutschland
Kremess Altbayern
Totenmahl Ostösterreich
Zehrung Österreich
Reuessen, Raue Rheinland, Rhein-Ruhr
Leichenimbiss, Leichenims Saarland, Pfalz
Flannerts Odenwald
Trauerkaffee, Beerdigungskaffee, Traueressen überregional

Das Wort Leichenschmaus selbst verbindet die Leiche, also den Verstorbenen, mit dem Schmaus, dem festlichen Essen. Ältere Literatur spricht vom Leichenmahl. Totenschmaus wird gleichbedeutend verwendet.

Woher kommt der Leichenschmaus?

Mahlzeiten zu Ehren Verstorbener sind sehr alt. Nach Angaben der Wikipedia fanden Archäologinnen im Grab des vor mehr als 2.700 Jahren gestorbenen Königs Midas in der heutigen Türkei Reste eines Festmahls mit Lamm- oder Ziegeneintopf. Im antiken Rom wünschte man dem Toten bei einem gemeinsamen Mahl alles Gute, danach begann für die Trauernden eine neuntägige Fastenzeit. Mit der Christianisierung wanderte das Totenmahl dieser Darstellung zufolge zunächst an die Gräber, wo es so ausgelassen zugegangen sein soll, dass man Kapellen baute, um ihm einen kirchlichen Rahmen zu geben.

Für Bayern lässt sich keine durchgehende Linie von diesen Anfängen bis ins Dorfwirtshaus ziehen, und wer das behauptet, erzählt mehr, als die Quellen hergeben. Gut belegt sind dagegen die örtlichen Formen im 19. Jahrhundert. Pfarrer Johann Baptist Prechtl hielt 1885, gestützt auf die Papiere eines früheren Ortspfarrers, die Gebräuche der Pfarrei Hohenbercha bei Freising fest: Starb ein Kind, gab es nach dem Gottesdienst im Trauerhaus das sogenannte Kindelmahl für die nächsten Verwandten. Für Erwachsene hielt man drei Seelengottesdienste, am Begräbnistag, am siebten und am dreißigsten Tag, und am Dreißigsten legte man Mehl, Butter und Eier auf die Bahre in der Kirche.

Vom Sterbebett zum Wirtshaus: der Ablauf in Bayern

Der Leichenschmaus steht am Ende einer Reihe von Bräuchen, die in katholischen Gegenden Bayerns eng zusammengehören.

Aufbahrung und Totenwache. Bis Ende des 19. Jahrhunderts, auf dem Land zum Teil länger, blieben Verstorbene zu Hause. Man bahrte sie in der Stube auf, früher auf einem Brett, aus dem im Bayerischen Wald das Totenbrett als Gedenkzeichen am Wegrand wurde. Verwandte und Nachbarn hielten Totenwache und beteten gemeinsam für das Seelenheil. Vor allem wegen sanitärer Missstände verlagerte sich der Abschied dann in Leichenhallen und Leichenkapellen. Heute legt die Bayerische Bestattungsverordnung den Rahmen fest: Bestattet wird frühestens 48 Stunden nach dem Tod und in der Regel spätestens nach acht Tagen, wobei Samstage, Sonntage und Feiertage nicht mitzählen.

Der Rosenkranz. Zum katholischen Abschied gehört das gemeinsame Gebet für den Verstorbenen, oft in Form des Rosenkranzes. Statt der sonst üblichen Lauretanischen Litanei betet man beim Rosenkranz für Verstorbene meist die Litanei für die Verstorbenen. Wann und wo er gebetet wird, regelt die Pfarrei.

Requiem und Sterbebild. Beim Requiem liegen die Sterbebilder aus, kleine Gedenkkarten mit Name, Lebensdaten, Gebet und meist einem Foto. In den katholischen Teilen Bayerns verbreitete sich der Brauch etwa ab 1840. Bis um 1860 bedruckte man nach Angaben der Wikipedia meist gewöhnliche Andachtsbildchen auf der Rückseite, das Foto setzte sich hierzulande erst mit den Gefallenenbildchen des Ersten Weltkriegs durch. Viele legen die Bildchen ins Gebetbuch, wo sie über Jahrzehnte bleiben. Für Familienforscher sind sie eine Fundgrube: Das Gemeindearchiv Türkenfeld etwa verwahrt rund 1.500 Stück, der Bayerische Landesverein für Familienkunde sammelt landesweit Hunderttausende.

Beerdigung und Leichenschmaus. Nach dem Gang zum Grab lädt die Familie zum Essen. Zum Gedenken an die Toten im Kirchenjahr kehrt man dann spätestens an Allerheiligen und Allerseelen zum Grab zurück.

Was beim Leichenschmaus auf den Tisch kommt

Eine verbindliche Speisefolge gibt es nicht, auch in Bayern nicht. Was serviert wird, entscheiden Familie und Wirt, oft nach Jahreszeit und Uhrzeit der Beerdigung. Mal ist es eine warme Mahlzeit, gern mit Suppe vorweg, mal Kaffee und Kuchen, daher Namen wie Trauerkaffee. Aus der Geschichte überliefert sind gewürzte Gebildbrote, im benachbarten Oberösterreich eine große, mit Anis bestreute Totensemmel zum Rindfleisch. Ein Schnaps zum Anstoßen auf den Verstorbenen gehört mancherorts dazu, Pflicht ist er nirgends.

Lachen erlaubt: die Stimmung am Tisch

Wer zum ersten Mal einen bayerischen Leichenschmaus erlebt, ist manchmal überrascht, wie laut es gegen Ende wird. Trauerbegleiter sehen darin nichts Anstößiges: Anekdoten über den Toten frischen gute Erinnerungen auf, und ein Lachen kann helfen, die Trauer überhaupt zuzulassen. Ein Rest Rücksicht gehört dazu, denn den engsten Angehörigen ist oft nicht zum Feiern zumute. Ähnlich wie bei den Hochzeitsbräuchen regelt das Gespür am Tisch mehr als jede Vorschrift.

Wird der Leichenschmaus seltener?

Auf dem Land kommt bis heute oft die ganze Trauergemeinde mit ins Wirtshaus, in Städten eher der erweiterte Familienkreis. Eine Statistik gibt es nicht. Verbraucherschützer im Bereich Bestattung schließen aus der wachsenden Zahl schlichter Discount-Bestattungen, dass auch das Totenmahl an Bedeutung verliert. Ein Leichenschmaus ist keine Pflicht, und eine Beerdigung ohne Leichenschmaus ist kein Verstoß gegen irgendetwas. Wer aber erlebt hat, wie entlastend die Stunde beim Wirt sein kann, wird den Brauch so schnell nicht abschaffen wollen.

Wer wissen möchte, wie das Totenbrauchtum in der Landeshauptstadt aussieht, findet beim Totenbrauchtum in München die Münchner Seite der Geschichte. Für das stille Gedenken draußen in der Flur sorgen in Bayern zudem die Marterl, die Landschaften dazu stellt die Seite über Altbayern vor.

Häufige Fragen

Was ist ein anderes Wort für Leichenschmaus?

Regional gebräuchlich sind nach einer Zusammenstellung der Wikipedia Leichentrunk oder Leichtrunk in Süddeutschland, Kremess in Altbayern, Totenmahl in Ostösterreich, Reuessen im Rheinland und Leichenimbiss im Saarland und in der Pfalz. Neutraler klingen Trauerkaffee, Beerdigungskaffee oder Traueressen. Totenschmaus wird ebenfalls verwendet.

Warum heißt es Leichenschmaus?

Das Wort verbindet die Leiche, also den Verstorbenen, um dessen Begräbnis es geht, mit dem Schmaus als festlichem Essen. Gemeint ist das Mahl anlässlich der Beerdigung, kein Essen am Toten. Ältere Fachliteratur spricht vom Leichenmahl, so etwa Albert Freybe in seinem Buch über das alte deutsche Leichenmahl von 1909.

Wer zahlt den Leichenschmaus?

Zum Leichenschmaus lädt die Familie des Verstorbenen ein, sie trägt auch die Kosten. Häufig wird das Essen aus dem Nachlass bezahlt. Für die Gäste ist die Einladung eine Geste des Danks, nicht eine Rechnung, die man teilt.

Wer wird zum Leichenschmaus eingeladen?

Eingeladen werden Verwandte, enge Freunde und Nachbarn, früher ausdrücklich auch die Sargträger und Gäste mit weiter Anreise. Auf dem Land kommt oft noch die ganze Trauergemeinde mit ins Wirtshaus, in der Stadt meist nur der erweiterte Familienkreis.

Muss es nach der Beerdigung einen Leichenschmaus geben?

Nein, der Leichenschmaus ist ein Brauch und keine Pflicht. Manche Familien verzichten darauf oder feiern nur im kleinen Kreis, Fachleute für Bestattungskultur beobachten mit der Zunahme günstiger Bestattungen einen Bedeutungsverlust.

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