Brauchtum in BayernBräuche, belegt erzählt
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Ratschen

Ratschen zu Ostern in Bayern: warum an Karfreitag und Karsamstag die Glocken schweigen, wie Ministranten mit der Holzratsche rufen und was sie dafür bekommen.

Kurz gesagt

Ratschen ist ein katholischer Osterbrauch: Von Gründonnerstag bis zur Osternacht schweigen die Kirchenglocken, und Ministranten ziehen mit hölzernen Ratschen durch den Ort, um zu Gebet und Gottesdienst zu rufen. Geratscht wird vor allem an Karfreitag und Karsamstag, 2027 also am 26. und 27. März 2027. Besonders lebendig ist der Brauch in Niederbayern, der Oberpfalz und Franken.

Am Karfreitag um sechs Uhr früh ist es in einem niederbayerischen Dorf so still wie sonst nur an einem Wintersonntag. Dann setzt es ein, ein trockenes Knattern, das von der Kirche her die Straße entlangkommt und an jedem Hof lauter wird. Wer es zum ersten Mal hört, denkt an einen kaputten Rasenmäher. Wer hier aufgewachsen ist, weiß: Die Ministranten ratschen, die Glocken sind nach Rom geflogen.

Was bedeutet Ratschen?

Ratschen bezeichnet in Bayern den Brauch, in den Kartagen mit hölzernen Lärminstrumenten die Kirchenglocken zu ersetzen. Das Wort hat eine zweite Bedeutung: Im Bairischen heißt ratschen auch schwatzen. Mit dem Osterbrauch hat das nur den Klang gemein.

Je nach Gegend heißt dasselbe Tun auch Klappern, Rätschen, Raspeln oder Rappeln, in der Rhön sind die Kinder die Klapperspatzen. Sonst heißen sie je nach Ort Ratschenbuben, Ratschenkinder, Klapperbubn oder Rumplkinder.

Warum schweigen die Glocken an Karfreitag und Karsamstag?

Nach dem Gloria der Messe vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag verstummen Glocken und Orgel. Sie schweigen durch den Karfreitag, den Tag von Leiden und Tod Jesu, und den Karsamstag, den Tag der Grabesruhe. Erst beim Gloria der Osternacht läuten sie wieder, mit Wucht und meist begleitet vom ersten Orgelspiel seit Tagen.

Für Kinder hat der Volksmund eine anschaulichere Erklärung: Die Glocken fliegen nach Rom, um dort gesegnet zu werden. Mit dem Schweigen gehörte früher auch eine allgemeine Ruhe zum Karfreitag: Laute Arbeit wie Schmieden war verpönt, Türenknallen und Pfeifen ebenso.

Wie läuft das Ratschen ab?

Geratscht wird zu den Zeiten, zu denen sonst die Glocken läuten. Das ist vor allem der Angelus, das Gebet des Englischen Grußes, meist um 6, 12 und 18 Uhr, dazu die Gottesdienste der Kartage und mancherorts die Todesstunde Jesu am Karfreitag um 15 Uhr. Mancherorts geht es schon um fünf Uhr früh los, nicht immer zur Freude der Nachbarn. Viele Dörfer folgen einer festen Ratschordnung, die oft seit Generationen gilt und Routen, Uhrzeiten und Sprüche regelt.

Die Kinder ziehen in Gruppen durch die Straßen oder ratschen vom Kirchplatz aus, bei jedem Wetter. Unterwegs rufen sie Sprüche, die zum Gebet auffordern und oft auf den Englischen Gruß verweisen. Der Wortlaut unterscheidet sich von Ort zu Ort, manchmal sogar innerhalb eines Dorfes, und wird mündlich weitergegeben. Geführt wird die Gruppe meist vom Ältesten, der in manchen Gegenden Klappermeister oder Vorklapperer heißt.

Ein trockener Nebenbefund aus der Überlieferung: Wer verschlafen hatte, wurde früher vor seinem Haus eigens ausgeklappert und verspottet. Pünktlichkeit hat in diesem Brauch eine lange Tradition.

Was bekommen die Kinder für das Ratschen?

Am Karsamstag kommt der angenehme Teil. Die Gruppe zieht von Haus zu Haus, ratscht vor der Tür, sagt ihren Spruch auf und sammelt den Lohn ein. Klassisch waren das Eier, heute meist Geld und Süßigkeiten. Danach wird gewissenhaft geteilt, in Hopferstadt etwa gestaffelt nach Schulklasse. Manche Pfarreien geben den Erlös ganz oder teilweise in die Ministrantenkasse oder für einen guten Zweck. Wer an der Tür etwas bereithalten möchte, liegt mit Eiern und ein paar Münzen nie falsch.

Welche Arten von Ratschen gibt es?

Das Instrument ist ein Holzwerk, das möglichst viel Lärm macht. Bei der Drehratsche schlägt beim Kurbeln eine dünne, federnde Holzleiste über die Zähne einer Walze und schnellt zurück. Das ergibt das typische Knattern. Bei der Raspel schnarrt eine Holzplatte über ein Zahnrad, bei der Klapper schlägt ein Hämmerchen auf ein Brett. Das Bistum Regensburg zählt Hammer-, Press-, Dreh- und Kastenratschen auf und hält fest, worauf es den Ratschern vor allem ankommt: die Lautstärke.

Größere Ratschen sitzen auf Schubkarren, und mancherorts wird vom Kirchturm aus geratscht. Gebaut wurden die Instrumente meist von Handwerkern oder geschickten Laien, oft wurden sie über Generationen vererbt. Nach der Osternacht werden sie für ein Jahr eingelagert.

Woher kommt der Brauch?

Hölzerne Rasseln reichen in der Kirche bis ins 6. Jahrhundert zurück, in eine Zeit, als es noch keine Kirchenglocken gab. Schriftlich als Osterbrauch erwähnt wird das Klappern 1534 im Weltbuch des Sebastian Franck. Dass Kinder und Jugendliche mit Ratschen durch die Gemeinde ziehen, ist seit dem 18. Jahrhundert belegt. Für eine vorchristliche Herkunft gibt es keine Belege: Die Quellen verbinden das Ratschen durchweg mit dem liturgischen Glockenschweigen.

Wo wird in Bayern noch geratscht?

Das Bistum Regensburg nennt Niederbayern und die Oberpfalz als Schwerpunkte. Lebendig ist der Brauch auch in Franken, etwa in Troschenreuth im Erzbistum Bamberg oder in Hopferstadt in Unterfranken, wo am Karfreitag rund sechsmal geratscht wird. In Oberbayern lobte etwa der Pfarrgemeinderat von Hattenhofen 2025 ausdrücklich die Ministranten dafür, dass sie das Ratschen weiterführen. Außerhalb Bayerns ratschen Kinder in Österreich, wo das Ratschen 2015 in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde, in Gröden, Luxemburg, der Pfalz, der Eifel und im Rheinland.

Wo es keine Ministranten mehr in ausreichender Zahl gibt, springen Familien ein. Das Bistum Eichstätt rief in der Corona-Zeit, als Gottesdienste ausfielen, zum Klappern zu Hause auf: Karfreitag um 15 Uhr und Karsamstag gegen 20 Uhr aus Garten, Balkon oder Fenster.

Ratschen im Kirchenjahr

Das Ratschen ist ein Scharnier zwischen zwei großen Brauchtagen. Eine Woche vorher werden am Palmsonntag die Palmbuschen geweiht, in der Osternacht endet das Ratschen am Osterfeuer, an dem die Osterkerze entzündet wird. In Franken leuchten zur selben Zeit die geschmückten Osterbrunnen. Ein ähnliches Muster, Kinder ziehen für die Kirche von Haus zu Haus und werden beschenkt, kennt Bayern von den Sternsingern im Januar. Wie die Feste des Kirchenjahres zusammenhängen, erklärt die Schwester-Site Brauchtum München im Überblick zum Kirchenjahr. Alle Termine der Osterzeit stehen im Jahreskreis für März.

Häufige Fragen

Warum wird an Ostern geratscht?

Weil die Kirchenglocken nach dem Gloria am Gründonnerstag verstummen und erst beim Gloria der Osternacht wieder läuten. Das Schweigen ist ein Zeichen der Trauer um Leiden und Tod Jesu. In dieser Zeit übernehmen die hölzernen Ratschen die Aufgabe der Glocken und rufen zum Gebet.

Wann wird geratscht?

Hauptsächlich an Karfreitag und Karsamstag, und zwar zu den Zeiten, zu denen sonst die Glocken läuten: früh, mittags und abends zum Angelus sowie vor den Gottesdiensten. Viele Orte haben eine eigene, über Generationen weitergegebene Ratschordnung mit festen Uhrzeiten.

Was ist eine Ratsche?

Im Brauch ist die Ratsche ein hölzernes Lärminstrument. Bei der Drehratsche schlägt beim Kurbeln eine Holzfeder von Zahn zu Zahn einer Walze und erzeugt ein lautes Knattern. Daneben gibt es Hammer-, Kasten-, Schub- und Turmratschen sowie einfache Klappern.

Wer darf ratschen?

Traditionell waren es die Ministranten, lange nur die Buben, die deshalb Ratschenbuben hießen. Heute ratschen in den meisten Pfarreien auch Mädchen mit, mancherorts alle Kinder, die stark genug sind, die Ratsche zu tragen.

Was bekommen die Ratschenkinder?

Am Karsamstag gehen die Kinder von Haus zu Haus und sammeln ihren Lohn ein. Früher waren das vor allem Eier, heute meist Geld und Süßigkeiten. Vielerorts wird alles gerecht geteilt, manche Gruppen spenden einen Teil an die Ministrantenkasse oder für einen guten Zweck.

Fliegen die Glocken wirklich nach Rom?

So erklärt es der Volksmund den Kindern: Die Glocken fliegen in den Kartagen nach Rom, um dort gesegnet zu werden, und kehren zur Osternacht zurück. Tatsächlich bleiben sie im Turm, sie schweigen aus liturgischen Gründen.

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