Brauchtum in BayernBräuche, belegt erzählt
Jahreswechsel · Ganz Bayern

Rauhnächte: Bedeutung und Herkunft

Rauhnächte Bedeutung: woher der Name kommt, was über die Herkunft belegt ist, ob die Raunächte heidnisch sind und was die einzelnen Nächte bedeuten.

Kurz gesagt

Die Rauhnächte, amtlich Raunächte, gelten als Schwellenzeit zwischen dem alten und dem neuen Jahr, die Nächte zwischen Heiligabend und Dreikönig am 6. Januar. Ob ihr Name vom Räuchern oder von „rau“ im Sinn von „haarig“ kommt, ist ungeklärt. Belegt ist ihre enge Bindung an das Kirchenjahr, eine germanische oder heidnische Herkunft dagegen nicht.

Was bedeuten die Raunächte, und woher kommt ihr seltsamer Name? Auf beide Fragen gibt es mehrere Antworten, und keine ist abschließend geklärt. Das ist bei einem Brauch, der vor allem mündlich weitergegeben wurde, nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist eher, wie selbstbewusst manche Ratgeber trotzdem eine einzige Erklärung verkünden. Diese Seite ordnet die gängigen Deutungen ein und trennt, was belegt ist, von dem, was nur vermutet wird.

Was bedeuten die Raunächte?

Die Rauhnächte sind die Nächte zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag, je nach Region drei bis zwölf an der Zahl. Sie galten als Schwellenzeit zwischen dem alten und dem neuen Jahr, in der die gewohnte Ordnung gleichsam ausgesetzt war. Geister, die Wilde Jagd und die Percht sollten umgehen. Man schützte Haus und Stall durch Räuchern und Segen, ließ bestimmte Arbeiten ruhen und suchte in Orakeln nach Zeichen für das kommende Jahr.

Dahinter steht eine sehr praktische Erfahrung. Die Kulturanthropologin Lisa Maubach verweist auf die kalte, lichtlose Zeit um die Wintersonnenwende, in der es weniger Arbeit gab, die Menschen zusammenrückten und Winterstürme ums Haus zogen. Ohne elektrisches Licht wurde diese Dunkelheit viel stärker erlebt als heute. Dass gerade diese Nächte die Fantasie beschäftigten, ist kein Rätsel.

Woher kommt der Name?

Die Herkunft des Wortes ist umstritten, und selbst die großen Wörterbücher sind sich nicht einig.

Von „rau“ im Sinn von „haarig“. Der Duden hält es für wahrscheinlich, dass das Wort auf „rau“ in der Bedeutung „haarig“ zurückgeht, eine Anspielung auf die fellbekleideten Dämonen, die in diesen Nächten umgehen sollten. Das Austria-Forum führt es auf das althochdeutsche „rûh“ zurück, das „rau, grob, haarig, ungezähmt“ bedeutet, und verbindet es mit den pelzverhüllten Masken der Perchten. In der Kürschnerei heißen Pelze bis heute Rauware oder Rauchware.

Von „Rauch“. Die Universität Innsbruck hält dagegen das Ausräuchern der Häuser für den wahrscheinlichen Ursprung; anfangs nahm es wohl ein Priester vor. Auch ein Ratgeber von inFranken leitet den Begriff vom Ausräuchern ab.

Offen. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache nennt die Herkunft des ersten Wortteils unsicher und führt beide Möglichkeiten an. Wer eine der Deutungen bevorzugt, erklärt die andere in der Regel als nachträgliche Umdeutung.

Eine dritte, seltener genannte Erklärung verbindet den Namen mit dem Heulen der Winterstürme. Sie taucht vor allem in populären Darstellungen auf.

Raunacht oder Rauhnacht: die Schreibung

Nach der amtlichen Rechtschreibung ist „Raunacht“ die richtige Schreibung. „Rauhnacht“ mit h ist die ältere Form und gilt heute als nicht mehr korrekt, ist aber weiterhin sehr verbreitet, auch in den Namen von Vereinen und Veranstaltungen. Die Nebenform „Rauchnacht“ ist ebenfalls belegt. Andere Namen für dieselbe Zeit sind Zwölfnächte, Losnächte oder Unternächte.

Was die einzelnen Raunächte bedeuten

Eine Frage, die jedes Jahr zuverlässig auftaucht: Wofür steht die erste, die vierte, die zwölfte Raunacht? Die Überlieferung kennt dazu vor allem eine Regel. Nach einer alten Bauernregel bestimmten die zwölf Raunächte das Wetter der zwölf Monate des neuen Jahres, die erste den Januar, die zweite den Februar und so fort. Dieselbe Logik steckt im Zwiebelorakel, bei dem zwölf gesalzene Zwiebelschalen für die zwölf Monate stehen.

Herausgehoben waren außerdem einzelne Nächte: die Thomasnacht, die Christnacht, die Silvesternacht und die Nacht vor Dreikönig, die in Bayern vielerorts als wichtigste gilt. Die heute in Büchern und Ratgebern verbreiteten Themen für jede einzelne Nacht, etwa Loslassen, Vertrauen oder Neubeginn, lassen sich in den hier ausgewerteten volkskundlichen Quellen dagegen nicht nachweisen. Sie sind eine moderne Zutat.

Die Herkunft der Raunächte

Mondjahr und Sonnenjahr

Eine häufig genannte Erklärung leitet die Raunächte aus dem Unterschied zwischen Mond- und Sonnenjahr ab: Zwölf Mondmonate sind um rund elf Tage kürzer als ein Sonnenjahr, und diese überzähligen Tage seien als Zeit außerhalb der Ordnung empfunden worden. Michael Ritter vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege vertritt diese Deutung, betont aber zugleich, dass man über kaum ein Thema so wenig wisse, weil oft die Quellen fehlen.

Germanisches Erbe?

Die Vorstellung, die Raunächte gingen auf ein germanisches Fest zur Wintersonnenwende zurück, entstand im 19. Jahrhundert. Damals kam die Theorie auf, die Kirche habe ein vorchristliches Sonnwendfest mit christlichen Bräuchen überlagert. Ob die Germanen um den 21. Dezember tatsächlich ein solches Fest feierten, ist in der Forschung umstritten. Die verbreitete Behauptung, die Raunächte seien ein Fest zu Ehren germanischer Götter gewesen, lässt sich nicht belegen. Dass die Wilde Jagd im Volksglauben mit Wodan in Verbindung gebracht wird, ist eine Vorstellung der Überlieferung und kein Nachweis eines germanischen Kults.

Christliche Prägung

Belegt ist dagegen die enge Bindung an das Kirchenjahr. Die vier herausgehobenen Raunächte sind die Vorabende kirchlicher Feste: des Thomastags, des Weihnachtsfests, des Neujahrstags und des Dreikönigsfests. Geräuchert wurde mit geweihtem Weihrauch und geweihten Kräutern, gesegnet mit Weihwasser, gebetet wurden Vaterunser und Ave Maria. Wie das konkret aussah, beschreibt die Seite Rauhnächte: Rituale und Bräuche.

Wandel der Bräuche

Dagmar Hänel vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte erinnert daran, dass Bräuche sich wandeln, weil sie stets mit der Lage einer Gesellschaft zu tun haben. Das gilt auch für die Raunächte: Aus dem bäuerlichen Schutzbrauch ist für viele eine Zeit der Besinnung geworden.

Spirituelle Bedeutung heute

Wer heute nach der spirituellen Bedeutung der Raunächte fragt, meint meist nicht den Weihrauch im Stall, sondern Rückblick und Vorsätze. Die Bremer Pastorinnen Sabine Kurth und Jeannette Querfurth deuten die Zeit als Einladung, das Tempo herauszunehmen und sich auf das neue Jahr vorzubereiten, die Psychologin Tanja Köhler betont die Innenschau. Das ist eine moderne, persönliche Lesart, keine überlieferte. Den Jahreskreis der Bräuche rund um den Jahreswechsel zeigen die Seiten zum Monat Dezember und zum Monat Januar, die Umzüge dieser Nächte die Seite zum Perchtenlauf.

Häufige Fragen

Woher kommt der Name Rauhnächte?

Das ist ungeklärt. Die eine Deutung führt ihn auf „rau“ im Sinn von „haarig“ zurück, eine Anspielung auf fellbekleidete Dämonen, die andere auf das Räuchern. Die Wörterbücher entscheiden die Frage nicht einheitlich.

Sind die Rauhnächte heidnisch?

Eine vorchristliche Herkunft wird oft behauptet, ist aber nicht belegt. Die überlieferten Bräuche sind eng mit dem Kirchenjahr verbunden, geräuchert wurde mit geweihtem Weihrauch und gesegnet mit Weihwasser.

Was bedeuten die einzelnen Rauhnächte?

Nach einer alten Bauernregel stand jede der zwölf Nächte für das Wetter eines Monats im neuen Jahr. Die heute in Ratgebern verbreiteten Themen für jede einzelne Nacht lassen sich in den ausgewerteten volkskundlichen Quellen nicht nachweisen.

Welche spirituelle Bedeutung haben die Rauhnächte?

Im überlieferten Brauchtum ging es um Segen und Schutz für Haus und Hof im christlichen Sinn. Heute deuten viele die Zeit als Gelegenheit für Rückblick, Innenschau und Vorsätze; das ist eine moderne Lesart.

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