Brauchtum in BayernBräuche, belegt erzählt
Jahreswechsel · Ganz Bayern

Rauhnächte: Rituale und Bräuche

Rauhnächte Rituale im Überblick: welche Bräuche in Bayern überliefert sind, wie geräuchert wurde und woher das Ritual der 13 Wünsche wirklich stammt.

Kurz gesagt

Zu den überlieferten Ritualen der Rauhnächte gehören in Bayern vor allem das Ausräuchern von Haus und Stall mit Weihrauch und geweihten Kräutern, Arbeitsverbote wie das Wäschewaschen und Orakel wie das Zwiebelorakel. Sie fallen in die Nächte zwischen Heiligabend und Dreikönig. Das heute beliebte Ritual der 13 Wünsche ist dagegen ein junger Brauch, für den es keinen historischen Beleg gibt.

Wer im Dezember nach Ritualen für die Raunächte sucht, landet schnell bei zwei sehr verschiedenen Dingen. Auf der einen Seite stehen überlieferte Bräuche, die in Bayern und den Nachbarregionen seit Jahrhunderten bezeugt sind und mit Weihrauch, Weihwasser und Gebet zu tun haben. Auf der anderen Seite stehen neue Rituale mit Zetteln, Kerzen und Wunschlisten, die erst in jüngster Zeit populär geworden sind. Beides hat seinen Platz, nur sollte man wissen, was wie alt ist.

Das Räuchern: der zentrale Brauch

Kein Brauch ist so eng mit den Rauhnächten verbunden wie das Räuchern. Die Universität Innsbruck beschreibt den überlieferten Ablauf für Tirol: Ein Vorbeter trägt Glut aus dem Herd in einer Pfanne durch das Haus, darauf Weihrauch, Teile des geweihten Palmbuschens oder andere geweihte Kräuter, und betet dabei. Eine zweite Person folgt und segnet jedes Zimmer mit Weihwasser. Im Spätmittelalter glaubte man, auf diese Weise Geister und Dämonen abzuwehren.

In Bayerisch-Schwaben ist das Ausräuchern seit dem 17. Jahrhundert nachgewiesen, meist mit Weihrauch auf einem Kohlebett oder mit geweihten Kräuterbuschen. Im unterfränkischen Landkreis Kitzingen gehen manche Familien noch heute mit glühenden Kohlen und geweihtem Weihrauch durch Haus und Stall und beten dabei das Vaterunser und das Ave Maria. Im an Bayern grenzenden Tirol räuchert man traditionell an drei Tagen: am Heiligen Abend, an Silvester und am Vorabend von Dreikönig.

Am Rand des Brauchs gab es kleine, eigensinnige Varianten. Die Innsbrucker Datenbank erwähnt, dass man in Teilen Süd- und Osttirols einen Hut oder ein Kopftuch in den Rauch hielt, und anderswo streute man die übrige Glut unter einen Obstbaum. Michael Ritter vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege erinnert daran, dass solche Bräuche einst kirchlich verankert waren: „Früher hat das die Kirche geboten.“

Eine Heilwirkung des Räucherns ist damit nicht verbunden und wird hier auch nicht behauptet. Es ging um Segen und Schutz im religiösen Sinn.

Was man in den Raunächten nicht tun sollte

Für die Raunächte galten zahlreiche Verbote, und die meisten betrafen die Hausarbeit. Am bekanntesten ist das Waschverbot. Im Raum Kitzingen wurde in den letzten sechs Tagen des alten und den ersten sechs Tagen des neuen Jahres keine Wäsche gewaschen, um im kommenden Jahr einen Todesfall in der Familie abzuwenden; auch Backen und Spinnen waren untersagt. Anderswo mied man das Ausmisten und Nähen, vor allem aber das Waschen von Leinen, weil böse Geister die aufgehängte Wäsche als Leichentücher für das neue Jahr nutzen könnten. Eine andere Fassung fürchtete, die Wilde Jagd könne sich in der Wäscheleine verfangen.

Das alles klingt streng, war aber nirgends einheitlich. Michael Ritter betont, dass diese Regeln regional sehr verschieden waren. Selbst wann und wie Wäsche aufgehängt werden durfte, ohne dass sich Geister darin verfingen, war im bayerischen Volksglauben nicht überall gleich geregelt. Wer heute in den Raunächten die Waschmaschine laufen lässt, verstößt also bestenfalls gegen die Gewohnheit eines bestimmten Dorfes.

Orakel: der Blick ins neue Jahr

Die Raunächte galten als Zeit, in der sich die Zukunft befragen ließ. In Schwaben ist seit dem 19. Jahrhundert das Zwiebelorakel bezeugt. Christoph Lang, Heimatpfleger beim Bezirk Schwaben, beschreibt es so: Man halbiert eine Zwiebel, löst Schichten heraus, bis zwölf Schalen beisammen sind, und bestreut sie mit Salz, je eine für einen Monat. Je nasser eine Schale am nächsten Morgen ist, desto regnerischer soll der zugehörige Monat werden. Im Raum Kitzingen kannte man dasselbe Prinzip mit Zwiebelhälften.

Im Tiroler Unterland gab es das Leaslen, das Losen, eine Form der Zukunftsdeutung rund um Heirat und Wohlstand, die vermutlich ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Auch der Thomastag galt in Tirol als Lostag: Geräusche, Klopfen oder das Verhalten des Ofenfeuers wurden als Zeichen für Glück oder Unglück gedeutet. Und weil in diesen Nächten die Percht umging, stellte man ihr in Tirol Milch und Brot vor die Tür, um sie gnädig zu stimmen.

Der Haussegen zu Dreikönig

Am Ende der Raunächte steht der Dreikönigstag, und mit ihm ein Ritual, das ganz offiziell ist. Um den 6. Januar schreiben die Sternsinger den Segen an die Haustür, dessen Buchstaben C+M+B für „Christus mansionem benedicat“ stehen: Christus segne dieses Haus. Die Aktion Dreikönigssingen in ihrer heutigen Form gibt es seit 1959. In der Nacht davor, der Perchtennacht, ziehen in Oberbayern traditionell die Perchten durch die Orte.

Das Ritual der 13 Wünsche

Weit verbreitet ist heute das Ritual der 13 Wünsche, und es ist das, wonach in den Wochen vor Weihnachten am häufigsten gesucht wird. Die Bremer Pastorin Sabine Kurth beschreibt ihre Anleitung so: Vor den Raunächten notiert man 13 Wünsche für das neue Jahr, die einem persönlich wichtig sind, jeden auf einem eigenen Zettel. Die Zettel werden gefaltet und in ein Gefäß gelegt, sodass man nicht sieht, was darauf steht. In jeder der zwölf Raunächte zieht man einen Zettel und verbrennt ihn ungelesen, um den Wunsch, wie Kurth sagt, Gott zu übergeben. Der dreizehnte Zettel bleibt übrig; ihn liest man, und für seine Erfüllung ist man selbst verantwortlich.

Feste Formulierungsregeln oder verbindliche Beispiele gibt es für dieses Ritual nicht. Ratgeber geben dazu unterschiedliche Empfehlungen, aber keine davon beruft sich auf eine Überlieferung.

Uralter Brauch oder neue Mode?

In Ratgebern und Zeitungsartikeln wird das Wunschritual gern als uralter Brauch ausgegeben. In der volkskundlichen Datenbank der Universität Innsbruck und in den Berichten über die Raunachtbräuche im fränkischen Kitzingen kommt es jedoch nicht vor. Ein historischer Beleg ist uns nicht bekannt. Das macht das Ritual nicht wertlos, es ordnet es nur richtig ein: als moderne Form der Besinnung am Jahreswechsel, die an die alte Vorstellung einer Zeit „zwischen den Jahren“ anknüpft.

Warum die Raunächte heute so beliebt sind

Die Kulturanthropologin Lisa Maubach spricht von einer Renaissance der Raunacht-Rituale, befeuert durch die Achtsamkeitswelle und die Corona-Pandemie und verbreitet über die sozialen Medien. Nach Michael Ritter spielt die Angst vor Unglück dabei eine viel geringere Rolle als früher; im Vordergrund stehen Traditionsbewusstsein und Verwurzelung. Woher die Raunächte selbst kommen und was hinter ihrem Namen steckt, behandelt die Seite Rauhnächte: Bedeutung und Herkunft. Die Bräuche der Weihnachtszeit insgesamt sammelt der Monat Dezember.

Häufige Fragen

Wann verbrennt man den ersten Wunsch in den Rauhnächten?

Beim Ritual der 13 Wünsche in der ersten Raunacht, meist der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember. In jeder folgenden Raunacht wird ein weiterer Zettel verbrannt. Im überlieferten Brauchtum kommt dieses Ritual nicht vor.

Wie formuliert man die 13 Wünsche für die Rauhnächte?

Eine überlieferte Regel gibt es nicht, weil das Ritual jung ist. In der Beschreibung der Bremer Pastorin Sabine Kurth sind es Wünsche für das neue Jahr, die einem persönlich wichtig sind, jeder auf einem eigenen Zettel.

Was macht man in den Rauhnächten?

Überliefert sind vor allem das Ausräuchern von Haus und Stall, das Ruhen bestimmter Arbeiten und Orakel für das neue Jahr. Am Ende steht der Dreikönigstag, an dem die Sternsinger den Segen an die Türen schreiben.

Was sollte man in den Rauhnächten nicht tun?

Nach altem Volksglauben keine Wäsche waschen oder aufhängen, nicht spinnen, nähen, backen oder ausmisten. Die Verbote waren von Ort zu Ort verschieden.

Warum soll man in den Rauhnächten keine Wäsche waschen?

Nach dem Volksglauben konnten böse Geister aufgehängte Wäsche als Leichentücher für das neue Jahr nutzen, oder die Wilde Jagd verfing sich in den Leinen. Im Raum Kitzingen sollte das Verbot einen Todesfall in der Familie abwenden.

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