Brauchtum in BayernBräuche, belegt erzählt
Pfingsten · Altbayern

Wasservogel

Wasservogel-Tradition in Bayern: Wasservogelsingen im Bayerischen Wald, Pfingstl, Pfingstlümmel und Pfingstochse. Ablauf, Geschichte und was belegt ist.

Kurz gesagt

Der Wasservogel ist ein Pfingstbrauch aus Altbayern: Am Pfingstsonntagabend ziehen Burschen singend von Haus zu Haus, bitten um Eier oder Geld und werden dafür von den Hausbewohnern mit Wasser übergossen. Lebendig ist das Wasservogelsingen vor allem im Landkreis Freyung-Grafenau und im nördlichen Landkreis Passau. Pfingsten 2027 fällt auf den 16. Mai 2027.

Pfingstsonntag, kurz nach acht, irgendwo zwischen Freyung und Waldkirchen. Ein Trupp junger Männer in Regenjacken und Gummistiefeln steht vor einem Bauernhaus, einer trägt einen Korb und macht Geräusche, die irgendwo zwischen Kater und Gockel liegen. Oben im ersten Stock geht leise ein Fenster auf, die Kinder des Hauses haben die Eimer schon seit einer Stunde gefüllt. Was dann kommt, ist der nasseste Brauch im bayerischen Jahreskreis und einer der wenigen, bei denen das Publikum ausdrücklich mitmachen soll.

Was ist der Wasservogel?

Der Wasservogel, im Waidler-Dialekt Wossavegl, bezeichnet zugleich die Sänger und den Brauch, das Wasservogelsingen. Am Pfingstsonntagabend zieht eine Gruppe, früher Knechte der Bauernhöfe, heute meist junge Burschen, von Haus zu Haus. Vor jeder Tür singt ein Vorsänger Strophen, die Gruppe antwortet mit einem festen Kehrreim. Die Hausbewohner warten derweil mit Wasser, und irgendwann trifft der Guss den Korbträger oder gleich die ganze Mannschaft.

Volkskundlich ist das ein Heischebrauch: Man bittet singend um eine Gabe. Früher gab es Eier, die anschließend verkauft wurden, heute meist Geld, manchmal Schmalzgebäck, eine Brotzeit, Bier oder Schnaps. Den Abschluss bildet in vielen Orten ein geselliger Abend, an dem die gesammelten Eier gemeinsam gegessen werden.

Wie läuft das Wasservogelsingen ab?

Die Rollen sind fest verteilt. Angeführt wird die Gruppe vom Vorsänger. Dazu kommt eine Figur, die den Korb für die Gaben trägt und je nach Dorf Oakoda (Eierkater), Moier oder Meua (Eiermarder) genannt wird. Sie steht vorn an der Haustür, nimmt Eier und Geld entgegen und gibt dabei Tierlaute von sich, die an Kater oder Gockel erinnern.

Die Strophen sind das Herz der Sache. Sie wechseln zwischen frommen Pfingstbezügen, Lob für Bauer und Bäuerin, guten Wünschen und handfestem Spott, oft auf das jeweilige Haus gemünzt und spontan gedichtet. Nach einer verbreiteten Regel muss das Lied vollständig gesungen werden, und die vielen Strophen geben den Hausbewohnern Zeit, ihre Eimer nachzufüllen. Wer also bei der fünften Strophe schon tropft, singt trotzdem weiter.

Getragen wird der Brauch heute von Vereinen: Trachtenvereine im Dreiflüsse-Trachtengau Passau, Feuerwehren, Kameradschafts- und Sportvereine. Das gesammelte Geld wandert oft in die Vereinskasse. Wer verwandte Abend- und Lärmumzüge im Bayerischen Wald kennenlernen will, findet beim Wolfauslassen im November ein ähnlich ernsthaft betriebenes Dorfritual.

Wo ist der Brauch in Bayern lebendig?

Das Kerngebiet ist klein und klar umrissen: der Landkreis Freyung-Grafenau und der nördliche Landkreis Passau im unteren Bayerischen Wald. Genannt werden etwa Herzogsreut und St. Oswald, wo das Wasservogelsingen schon 1927 fotografiert wurde. Das Bistum Regensburg beschreibt den Brauch außerdem für einige Dörfer im Bayerischen Wald insgesamt, also auch für Gegenden der Oberpfalz und Niederbayerns.

Der Name taucht auch weit entfernt vom Wald auf. Im heutigen Münchner Stadtteil Neuhausen wählten die Burschen am Pfingstmontag einen Wasservogel, führten ihn geschmückt auf einem Pferd durchs Dorf und warfen ihn am Ende in den Dorfteich. Nach einer Rauferei mit den Moosachern vor Schloss Nymphenburg verbot König Ludwig I. das Fest 1828. Seit 2007 wird es alle zwei Jahre als Wasservogelfest mit Festzug zum Schlosskanal wieder gefeiert, inzwischen nicht mehr an Pfingsten, weil dann zu viele Neuhauser im Urlaub sind.

Woher kommt der Wasservogel-Brauch?

Ehrlich gesagt: Man weiß es nicht. Alter und Ursprung des Wasservogelsingens sind ungeklärt. Für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist es im unteren Bayerischen Wald als verbreitet beschrieben. Der älteste bekannte Aktenbeleg ist ein Brief des Pfarrers von Herzogsreut an das Bezirksamt Wolfstein von 1899, der sich über die gestörte Nachtruhe beschwert. Ein Gendarmeriebericht aus Mauth schildert den Ablauf 1906 im Detail. Behörden griffen gelegentlich mit örtlichen Verboten ein, einzelne Gemeinden hielten mit dem Hinweis auf das Alter des Brauchs dagegen.

Zwei Deutungen kursieren. Die eine sieht einen vorchristlichen Regen- und Fruchtbarkeitszauber, ein Ringen von Sommer und Winter. Sie geht wesentlich auf Wilhelm Mannhardts Werk Wald- und Feldkulte von 1875 zurück. Der Heimatforscher Ernst Dorn hält sie für ein Deutungsmuster des 19. Jahrhunderts, das sich ohne tragfähige Belege verbreitet hat. Die andere verweist auf christliche Wurzeln: Pfingsten war lange ein wichtiger Tauftermin, und das Wasser lässt sich als Bild für das Ausgießen des Heiligen Geistes lesen. Der Freyunger Kreisheimatpfleger Gerhard Ruhland hält den Pfingstbezug für wahrscheinlich, schließt aber eine christliche Umdeutung eines älteren Brauchs nicht aus.

Was ist der Pfingstl?

Nach Ruhland hat sich das Wasservogelsingen aus dem Pfingstl-Brauch entwickelt. Der Pfingstl ist ein Bursche, der in Stroh oder in Birken- und Tannengrün gewickelt wird. Im Raum Cham begleiteten ihn Führer, Lärmmacher mit Peitschen und Glücksbringer mit geschmückten Zweigen, der ursprüngliche Wasservogel trug sogar eine Vogelmaske mit langem Schnabel. Das Bayerische Wörterbuch belegt das Pfingstlschnalzen mit dicken Peitschen am Pfingstsamstag und das Verb pfingstln für den Umzug mit der Figur.

Am bekanntesten tritt der Pfingstl heute in Sankt Englmar im Landkreis Straubing-Bogen auf. Dort gehört er mit den Pfingstltuschern zum Englmarisuchen am Pfingstmontag, einem religiösen Schauspiel, das seit 2020 im Bayerischen Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes steht. Mehr zu diesem Verzeichnis und den übrigen bayerischen Einträgen steht unter Immaterielles Kulturerbe in Bayern.

Was ist ein Pfingstlümmel?

Wer an Pfingsten als Letzter aufstand, war in vielen Dörfern der Pfingstlümmel, und das bekam er zu spüren. Das Bistum Regensburg beschreibt für die Oberpfalz das Pfingstlümmelfahren in Schmidgaden: Ältere Schulkinder schmücken einen Bollerwagen mit vier Birkenbäumchen, der Pfingstlümmel sitzt in einem Sack obenauf, und die Gruppe sammelt von Haus zu Haus Eier und Schmalz. Im letzten Haus werden die Eier gebraten.

Im Bayerischen Wald stellte man früher eine Strohfigur vor das Fenster streitsüchtiger Mädchen, während beliebte Mädchen ein Birkenbäumchen bekamen. Diese Pfingstmaien aus frischem Birkengrün sind mit dem Maibaum eng verwandt: dieselbe Idee, nur kleiner und persönlicher.

Was hat der Pfingstochse mit Pfingsten zu tun?

Pfingsten markiert im bäuerlichen Jahr den Beginn der Weidezeit. Beim ersten Austrieb wurde das kräftigste Tier mit Bändern, Blumen und Kränzen geschmückt, der Pfingstochse. Im alpenländischen Raum gab es dazu Umzüge. Geblieben ist vor allem die Redensart: Wer sich bunt und unpassend herausputzt, sieht aus wie ein Pfingstochse. Das Gegenstück im Herbst ist der geschmückte Zug beim Almabtrieb.

Welche Pfingstbräuche gibt es sonst in Bayern?

Der größte ist der Kötztinger Pfingstritt, eine Reiterprozession mit mehreren hundert Reitern, die seit 1647 sicher belegt ist und mit der Pfingsthochzeit endet. In Kirchen ließ man früher eine geschnitzte Heilig-Geist-Taube durch ein Loch im Gewölbe herabschweben, im Bayerischen Wald hingen gläserne Heilig-Geist-Kugeln über dem Esstisch, im Volksmund Supp'nbrunzer, weil der Dampf an ihnen kondensierte und in die Suppe tropfte. Eineinhalb Wochen nach Pfingsten folgt dann Fronleichnam mit seinen Prozessionen, im Juni die Feuer zur Sommersonnwende. Den Überblick über die Bräuche des Monats gibt der Jahreskreis im Mai.

Häufige Fragen

Was ist der Wasservogel an Pfingsten?

So heißen in Altbayern die Burschen, die am Pfingstsonntag als Gruppe durchs Dorf ziehen, vor jedem Haus Strophen singen und dafür Eier, Geld oder eine Brotzeit bekommen. Dazu gehört, dass sie von Fenster oder Balkon aus mit Wasser übergossen werden. Der Brauch heißt Wasservogelsingen oder im Dialekt Wossavegl.

Wo gibt es das Wasservogelsingen in Bayern?

Heute vor allem im Landkreis Freyung-Grafenau und im nördlichen Landkreis Passau, etwa in Herzogsreut und um St. Oswald. Getragen wird er von Trachtenvereinen, Feuerwehren, Sportvereinen und Burschengruppen.

Was ist ein Pfingstochse?

Beim ersten Viehaustrieb auf die Sommerweide, der vielerorts um Pfingsten lag, wurde das kräftigste Tier mit Kränzen, Bändern und Blumen geschmückt und vorneweg getrieben. Aus diesem Brauch stammt die spöttische Redensart, jemand sei herausgeputzt wie ein Pfingstochse.

Welche Bräuche gibt es an Pfingsten in Bayern?

Neben dem Wasservogelsingen sind das vor allem die Pfingstritte wie der Kötztinger Pfingstritt, das Englmarisuchen in Sankt Englmar mit dem Auftritt des Pfingstl, das Pfingstlümmelfahren in der Oberpfalz, der geschmückte Pfingstochse beim Viehaustrieb und die Pfingstmaien aus Birkengrün.

Wann ist Pfingsten 2027?

Pfingstsonntag ist am 16. Mai 2027, Pfingstmontag am 17. Mai 2027. Pfingsten liegt immer 49 Tage nach Ostersonntag, der 2027 auf den 28. März fällt. Das Wasservogelsingen findet traditionell am Pfingstsonntagabend statt.

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