Leonhardiritt und Leonhardifahrt
Leonhardiritt und Leonhardifahrt in Bayern: Bad Tölz, Kreuth, Benediktbeuern und weitere Orte, Termine November 2026, Truhenwagen, Segnung und Geschichte.
NovemberImmaterielles Kulturerbe in Bayern: welche Bräuche im Landesverzeichnis stehen, was bundesweit und bei der UNESCO gelistet ist und wie man aufgenommen wird.
Das Bayerische Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes umfasst 103 Einträge, von der Tölzer Leonhardifahrt über den Kötztinger Pfingstritt bis zum Zwiefachen. Es wird seit 2014 vom Bayerischen Heimatministerium geführt und ist die Vorstufe zum Bundesweiten Verzeichnis, aus dem Deutschland Vorschläge für die UNESCO-Listen auswählt.
Ein Denkmal kann man fotografieren, wann man will. Den Georgiritt in Traunstein nur am Ostermontag, die Leonhardifahrt in Bad Tölz nur am 6. November, und den Zwiefachen nur, solange jemand ihn spielt und ein anderer den Taktwechsel zwischen Walzer und Dreher nicht verstolpert. Genau für dieses Erbe, das nur im Tun existiert, gibt es seit 2003 ein eigenes UNESCO-Übereinkommen, und Bayern führt dazu seit 2014 ein eigenes Verzeichnis.
Das Bayerische Heimatministerium, das das Verzeichnis führt, versteht darunter lebendige Traditionen: Tanz, Theater, Musik, Bräuche und Feste, überliefertes Wissen und traditionelle Handwerkstechniken, die einer Gemeinschaft ein Gefühl von Identität und Kontinuität geben. Der Unterschied zum materiellen Erbe wie Schlössern oder Kunstwerken: Diese Formen sind nur sichtbar, solange Menschen sie ausüben, weitergeben und dabei verändern.
Die UNESCO unterscheidet sechs Bereiche: mündlich überlieferte Ausdrucksformen samt Sprache, darstellende Künste, Bräuche, Rituale und Feste, Wissen über Natur und Universum, traditionelle Handwerkstechniken sowie Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation. Die meisten bayerischen Brauchtumseinträge fallen in die dritte Kategorie.
Das System hat drei Stufen. Am 17. Oktober 2003 verabschiedete die UNESCO das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes, Deutschland trat 2013 bei. Auf internationaler Ebene gibt es drei Listen: die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit, die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Erbes und das Register Guter Praxisbeispiele.
Darunter steht das Bundesweite Verzeichnis, koordiniert von der Geschäftsstelle bei der Deutschen UNESCO-Kommission. Laut Kommission umfasst es derzeit 168 Einträge. Über die Aufnahme entscheiden die Kulturministerkonferenz und der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Empfehlung eines unabhängigen Fachkomitees. Aus diesem Verzeichnis wählt die Kulturministerkonferenz in der Regel einmal im Jahr einen Vorschlag für die UNESCO-Listen in Paris aus.
Ganz unten, aber für Bayern entscheidend, steht das Bayerische Landesverzeichnis. Eigene Länderverzeichnisse gibt es außer in Bayern nur in Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und im Saarland. Viele bayerische Einträge stehen zugleich bundesweit, aber nicht alle: Der Kötztinger Pfingstritt etwa ist seit 2014 im Landesverzeichnis geführt, ein bundesweiter Eintrag ist dort nicht vermerkt.
Das Landesverzeichnis umfasst derzeit 103 Einträge. 83 davon lassen sich einem bestimmten Ort oder einer Region zuordnen, 20 sind über mehrere Bezirke oder ganz Bayern verbreitet. Für Brauchtumsfreunde ist das eine lohnende Liste. Eine Auswahl der Bräuche, die auf dieser Site eigene Seiten haben:
| Eintrag | Bezirk | Landesverzeichnis | Bundesweit |
|---|---|---|---|
| Kötztinger Pfingstritt | Oberpfalz | 2014 | nicht vermerkt |
| Tradition der hochalpinen Alpwirtschaft im Allgäu (mit Viehscheid) | Schwaben | 2014 | 2016 |
| Tölzer Leonhardifahrt | Oberbayern | 2016 | 2016 |
| Georgiritt und historischer Schwerttanz zu Traunstein | Oberbayern | 2016 | 2016 |
| Zwiefacher | ganz Bayern | 2016 | 2016 |
| Weihnachtsschützen im Berchtesgadener Land | Oberbayern | 2018 | nicht vermerkt |
| Kirchseeoner Perchtenlauf | Oberbayern | 2022 | 2024 |
| Kirwa im Amberg-Sulzbacher Land | Oberpfalz | 2023 | nicht vermerkt |
| Chinesenfasching Dietfurt | Oberpfalz | 2024 | 2025 |
| Kreuther Leonhardifahrt | Oberbayern | 2024 | nicht vermerkt |
| Alm- und Alpwirtschaft | Oberbayern, Schwaben | 2026 | nicht vermerkt |
| Wolfauslassen im Bayerischen Wald | Niederbayern | 2026 | nicht vermerkt |
Die Leonhardifahrten sind ein gutes Beispiel für die Detailtiefe. In Bad Tölz ist die Wallfahrt seit 1772 belegt und wurde 1856 neu geordnet, heute ziehen rund 80 Vierergespanne zum Kalvarienberg. Kreuth kann mit einem Beleg von 1599 aufwarten, die Besonderheit dort: Die Pferde werden vom Sattel aus gelenkt, nicht vom Wagen. Mehr zum Brauch steht unter Leonhardiritt und Leonhardifahrt.
Der Georgiritt in Traunstein ist seit 1762 belegt, der Schwerttanz geht auf einen Beleg von 1530 zurück, wurde in den 1920er Jahren neu choreographiert und seit 1926 mit dem Ritt zu einem Fest verbunden. Der Kötztinger Pfingstritt beruft sich auf ein Gelöbnis von 1412 und ist seit 1647 sicher nachweisbar.
Bemerkenswert ehrlich ist der Eintrag zum Kirchseeoner Perchtenlauf: Er fand erstmals im Winter 1954/55 statt und greift ältere Brauchgestalten teils auf, teils neu gestaltet auf. Auch ein junger Brauch kann also Kulturerbe sein, wenn er lebendig weitergegeben wird. Das Wolfauslassen im Landkreis Regen ist seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert belegt und kam 2026 neu ins Verzeichnis.
Daneben stehen Einträge, die man nicht sofort als Brauch einordnen würde: die Oberpfälzer Zoiglkultur, die Brautradition nach dem Reinheitsgebot, die Schafhaltung, die Karpfenteichwirtschaft, das Feldgeschworenenwesen, Spitzenklöppeln im Oberpfälzer Wald oder die historischen Festspiele von der Landshuter Hochzeit bis zum Further Drachenstich. Für die Viehwirtschaft im Gebirge, zu der Almabtrieb und Viehscheid gehören, gibt es gleich zwei Einträge.
Die Frage liegt nahe, weil der Münchner Tanz alle sieben Jahre Tausende anzieht. Im Bayerischen Landesverzeichnis ist der Schäfflertanz Stand Oktober 2026 nicht aufgeführt, ebenso wenig der Maibaum als Brauch. Aus München stehen der Viktualienmarkt als Handelsbrauch, das Münchner Marionettentheater, das Oktoberfest-Landesschießen und das Schichtl-Varieté auf der Wiesn im Verzeichnis. Ein Eintrag setzt eine Bewerbung der Trägergruppe voraus, das Fehlen sagt also nichts über den Rang eines Brauchs aus.
Laut Landesverzeichnis sind drei Kulturformen mit bayerischer Beteiligung inzwischen auch im internationalen UNESCO-Verzeichnis vertreten: die Passagierfloßfahrten auf Isar und Loisach (2022, als Teil der Flößerei), die Herstellung von mundgeblasenem Flachglas (2023) und die Wässerwiesen in Franken (2023).
Bewerben kann sich nicht die Gemeinde allein, sondern die Gemeinschaft, die den Brauch trägt, also Vereine, Gruppen, im Ausnahmefall Einzelpersonen. Die Runden finden alle drei Jahre statt, die nächste voraussichtlich ab April 2028. Verlangt werden das offizielle Formular, zehn hochaufgelöste Fotos der heutigen Praxis und zwei fachliche Begleitschreiben von Sachkundigen außerhalb der Trägergruppe.
Zu den Kriterien gehören die Weitergabe an die nächste Generation, gesellschaftliche Verankerung, Wandlungsfähigkeit, freie Zugänglichkeit und ausdrücklich eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, insbesondere in der NS-Zeit. Für viele Brauchvereine ist gerade dieser Punkt eine echte Hausaufgabe. Welche Bräuche wann im Jahr stattfinden, zeigt der Jahreskreis, die regionalen Schwerpunkte stehen unter Altbayern, Franken und Schwaben.
Lebendige Traditionen wie Bräuche, Feste, Musik, Tanz, Theater, überliefertes Wissen und Handwerkstechniken, die eine Gemeinschaft von Generation zu Generation weitergibt. Anders als ein Baudenkmal ist dieses Erbe nur im Moment des Tuns sichtbar, also nur, solange Menschen es ausüben.
Im Bayerischen Landesverzeichnis stehen unter anderem die Tölzer und die Kreuther Leonhardifahrt, der Georgiritt mit Schwerttanz in Traunstein, der Kötztinger Pfingstritt, der Kirchseeoner Perchtenlauf, das Wolfauslassen im Bayerischen Wald, die Kirwa im Amberg-Sulzbacher Land, die Weihnachtsschützen im Berchtesgadener Land und der Chinesenfasching in Dietfurt.
Nein, Stand Oktober 2026 ist der Münchner Schäfflertanz im Bayerischen Landesverzeichnis nicht aufgeführt. Aus München verzeichnet sind etwa der Viktualienmarkt als Handelsbrauch, das Münchner Marionettentheater und das Oktoberfest-Landesschießen.
Laut Deutscher UNESCO-Kommission umfasst das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes derzeit 168 Einträge, 2025 kamen 18 dazu. Ein großer Teil der bayerischen Einträge ist zugleich bundesweit verzeichnet, darunter die Tölzer Leonhardifahrt, der Zwiefache und der Kirchseeoner Perchtenlauf.
Die Trägergruppe selbst bewirbt sich in einer der Bewerbungsrunden, die alle drei Jahre stattfinden. Nötig sind das offizielle Antragsformular, zehn aktuelle Fotos und zwei fachliche Begleitschreiben von Sachkundigen, die nicht zur Trägergruppe gehören. Die nächste Runde beginnt voraussichtlich im April 2028.
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NovemberStand: 21. Oktober 2026. Redaktion Brauchtum in Bayern, Chinesischer Turm e.V. Hinweise und Korrekturen an servus@brauchtum-in-bayern.de.