Brauchtum in BayernBräuche, belegt erzählt
Tracht und Brauch · Ganz Bayern

Böllerschießen und Böllerschützen in Bayern

Böllerschießen in Bayern: wann Böllerschützen krachen lassen, Handböller, Schaftböller und Standböller, Weihnachtsschützen und was die Erlaubnis voraussetzt.

Kurz gesagt

Böllerschießen ist das Abfeuern von Schwarzpulver ohne Geschoss aus Handböllern, Schaftböllern, Standböllern oder Kanonen, um Feste, Gäste und Kirchentage lautstark zu begleiten. Nach Angaben der Stadt München wird in Bayern seit dem späten 15. Jahrhundert geböllert. Böllerschützen sind meist in Schützen- oder Trachtenvereinen organisiert und schießen bei Hochzeiten, Kirchenfesten, zu Weihnachten, an Silvester und zum Abschluss des Oktoberfests.

Um sechs Uhr früh, wenn das Dorf noch schläft, rollt ein Donner über das Tal, dann ein zweiter, dann ein dritter, jeder mit Abstand, damit das Echo von den Bergen zurückkommen kann. Wer das zum ersten Mal hört, denkt an ein Gewitter. Wer hier aufgewachsen ist, weiß: Heute ist Festtag, und die Böllerschützen haben ihn gerade angekündigt. Das Böllerschießen gehört in Bayern zu den lautesten Formen von Brauchtum und zu den am strengsten geregelten.

Was ist Böllerschießen?

Ein Böller ist ein Gerät, das nur mit Schwarzpulver geladen wird und kein Geschoss abfeuert. Es geht allein um den Knall und die weiße Rauchwolke. Verdämmt wird die Ladung nach den Regeln des Bayerischen Sportschützenbunds ausschließlich mit Korken, verwendet wird eigenes Böllerpulver, das auf die Geräte abgestimmt ist.

Die Schützen heißen Böllerschützen, im bairisch-österreichischen Raum auch Prangerschützen, das Schießen entsprechend Prangerschießen. Böllerschützen treten in Tracht oder historischer Uniform auf und sind fast immer in einem Verein organisiert: als eigene Böllerschützengruppe, als Abteilung eines Schützenvereins oder innerhalb eines Trachtenvereins.

Woher kommt das Böllerschießen?

In Bayern ist das Böllerschießen nach Angaben der Stadt München seit dem späten 15. Jahrhundert belegt. Geschossen wurde, um hochgestellte Persönlichkeiten zu ehren, zu Geburten, Taufen und Geburtstagen, und in manchen Gegenden bis ins 20. Jahrhundert, um vor Gefahr zu warnen. Dass der Lärm böse Geister vertreiben sollte, wird oft erzählt, besonders für die Winterzeit. Diese Deutung ist verbreitet, sie erklärt aber eher, wie man den Brauch später verstand, als woher er kommt. Belegt sind vor allem die Ehrensalute und das Schießen an kirchlichen Festtagen.

Ein gut dokumentiertes Beispiel ist das Weihnachtsschießen im Berchtesgadener Land, das urkundlich bis 1666 zurückreicht. Laut der Tourismusregion scheiterten im späten Mittelalter Verbote des Böllerns, die vor allem die Wilderei eindämmen sollten. Seit dem frühen 19. Jahrhundert schießen die Berchtesgadener mit kurzläufigen Handböllern großen Kalibers.

Handböller, Schaftböller, Standböller: die Geräte

Der Bayerische Sportschützenbund unterscheidet vier Gerätegruppen:

Gerät Kennzeichen
Handböller kurz, großes Kaliber, wird in der Hand gehalten
Schaftböller (Prangerstutzen) länger, mit Schaft, wird ähnlich wie ein Gewehr an der Schulter abgefeuert
Standböller steht am Boden, deutlich größere Ladung, wird aus Abstand ausgelöst
Kanonen Vorderlader mit Perkussionszündung oder Hinterlader mit Kartuschen

Ein großer Standböller kann nach Angaben der Wikipedia bis zu 400 Gramm Schwarzpulver pro Schuss aufnehmen, ein kleiner Handböller kommt mit einem Bruchteil davon aus. Alte Vorderladergewehre mit normalem Waffenbeschuss sind übrigens keine Böller und dürfen dafür nicht verwendet werden.

Geschossen wird nach Kommando des Schützenmeisters in festen Folgen. Am bekanntesten ist das Lauffeuer, bei dem die Schützen nacheinander in gleichmäßigem Takt feuern; jeder wartet, bis er den Schall seines Vorgängers hört. Gute Gruppen erkennt man an Tempo und Präzision, also daran, dass zwischen den Schüssen kein Stolpern hörbar ist.

Wann wird in Bayern geböllert?

Einen festen Kalender gibt es nicht, wohl aber typische Anlässe:

  • Kirchliche Feste: Fronleichnam mit seinen Prozessionen, Kirchweihen und Schützenfesten. Wie andere Umzüge rund um Fronleichnam begleiten Böller oft den Segen an den Altären im Freien.
  • Wallfahrten und Umritte: Bei der Leonhardifahrt in Kreuth weckt ein Böllerschießen um sechs Uhr früh den Ort.
  • Hochzeiten und Familienfeste: Bei Hochzeitsbräuchen auf dem Land ist der Böller vor der Kirche oder beim Brautpaar ein altes Ehrenzeichen, ebenso bei runden Geburtstagen.
  • Weihnachten: Das Christkindl-Anschießen im Berchtesgadener Land ist der bekannteste Fall, mehr dazu unten und auf der Seite zu Weihnachten in Bayern.
  • Silvester und Neujahr: In vielen Orten schießen Böllerschützen das alte Jahr hinaus und das neue an, siehe Silvester und Neujahr.
  • Volksfeste: Am letzten Tag des Oktoberfests stellen sich rund 60 Böllerschützen in Tracht unter der Bavaria auf, Punkt 12 Uhr fällt der erste Schuss. Schon zum Auftakt gibt es nach dem Anstich einen Salut mit zwölf Schuss. Mehr zur Wiesn steht bei brauchtum-muenchen.de.

Nicht zu verwechseln sind Böllerschützen mit den Gebirgsschützen, deren Salutschützen mit Gewehren schießen. Laut war es in Bayern auch an Stellen, an denen niemand feiern wollte: Beim Haberfeldtreiben gehörten Böller und Gewehre zum nächtlichen Rügelärm. Mit dem geregelten Vereinsschießen von heute hat das nichts mehr zu tun.

Die Weihnachtsschützen im Berchtesgadener Land

Nirgends ist das Böllern so dicht organisiert wie im Talkessel unter dem Watzmann. Laut der Tourismusregion gibt es rund 3.000 Weihnachtsschützen in 17 Vereinen, gut 1.100 davon aktiv, seit 1925 zusammengeschlossen als Vereinigte Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes. Seit März 2018 steht der Brauch im bayerischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.

Vom 17. Dezember an schießen die Vereine täglich um 15 Uhr von ihren Standplätzen aus das Christkind an. Ein Bericht des Evangelischen Pressediensts verbindet diese Tage mit den sieben O-Antiphonen, die in der Woche vor Weihnachten in der Vesper gesungen werden. Am Heiligen Abend krachen die Böller von 23.30 Uhr bis Mitternacht, dann wird es still. In der Christmette fallen nur noch sechs Einzelschüsse zur Wandlung. Damit der Zeitpunkt stimmt, gibt heute ein Beobachter in der Kirche das Signal per Messenger. An Silvester verabschieden die Schützen das alte Jahr von 23.45 Uhr an und begrüßen das neue bis 0.15 Uhr.

Erlaubnis, Lehrgang und Sicherheit

Böllern ist kein Silvesterfeuerwerk zum Selbermachen. Es fällt unter das Sprengstoffgesetz, und nach den Hinweisen des Bayerischen Sportschützenbunds sieht der Weg zum Böllerschützen so aus:

  1. Alter und Eignung: in der Regel mindestens 21 Jahre, in Ausnahmefällen 18, dazu persönliche Eignung und Zuverlässigkeit.
  2. Unbedenklichkeitsbescheinigung: beim Landratsamt, der kreisfreien Stadt oder in München beim Kreisverwaltungsreferat.
  3. Lehrgang mit Prüfung: bei einem anerkannten Träger, abgeschlossen vor dem Gewerbeaufsichtsamt.
  4. Erlaubnis nach Paragraf 27 Sprengstoffgesetz: meist fünf Jahre gültig und verlängerbar, grundsätzlich nur für das Schießen im Namen eines Vereins.
  5. Haftpflicht: mindestens eine Million Euro Deckung.

Dazu kommen Pflichten für Geräte und Pulver. Jeder Böller muss alle fünf Jahre beim Beschussamt geprüft werden, für Nordbayern in Mellrichstadt, für Südbayern in München. Pulver darf nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln transportiert und nicht in der Kleidung getragen werden. Jedes Schießen ist mindestens 48 Stunden vorher bei der Polizei anzuzeigen, die Gemeinde wird vorher verständigt. Die Details regelt die Behörde vor Ort, verbindlich ist immer deren Auskunft.

Dass der Aufwand nicht übertrieben ist, zeigen Unfälle mit alten oder schlecht gewarteten Geräten, die es auch in Deutschland gegeben hat. Gerade deshalb legen die Vereine Wert auf Ausbildung und Kommando. Wer einmal neben einer Gruppe gestanden hat, die sauber im Takt schießt, versteht auch, warum: Hier zählt Disziplin mehr als Lautstärke. Mehr zu Musik, Tracht und Vereinsleben in Bayern sammelt die Rubrik Tracht, Musik und Tanz.

Häufige Fragen

Wie wird man Böllerschütze?

Nach den Hinweisen des Bayerischen Sportschützenbunds braucht man in der Regel ein Mindestalter von 21 Jahren, eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der Kreisverwaltungsbehörde und einen Lehrgang bei einem anerkannten Träger, der mit einer Prüfung vor dem Gewerbeaufsichtsamt endet. Danach beantragt man die Erlaubnis nach Paragraf 27 Sprengstoffgesetz. Sie wird grundsätzlich nur für das Schießen im Namen oder Auftrag eines Vereins erteilt.

Muss man Böllerschießen anmelden?

Ja. Jedes Böllerschießen ist nach den Hinweisen des Sportschützenbunds mindestens 48 Stunden vorher bei der zuständigen Polizeidienststelle anzuzeigen, die Gemeinde ist vorher zu verständigen. Sie kann bei Zeit und Ort mitreden, etwa während eines Gottesdienstes oder neben einem Krankenhaus. Bei größeren Veranstaltungen empfiehlt sich die schriftliche Meldung.

Was ist der Unterschied zwischen Handböller und Standböller?

Der Handböller ist ein kurzes Gerät mit großem Kaliber, das der Schütze in der Hand hält. Der Standböller steht am Boden, ist deutlich größer und wird aus Abstand ausgelöst. Dazwischen liegt der Schaftböller, auch Prangerstutzen genannt, der wie ein Gewehr an der Schulter abgefeuert wird.

Wann schießen die Weihnachtsschützen in Berchtesgaden?

Vom 17. Dezember an schießen die Berchtesgadener Weihnachtsschützen täglich um 15 Uhr das Christkind an. Am Heiligen Abend krachen die Böller von 23.30 Uhr bis Mitternacht vor der Christmette, an Silvester verabschieden sie das alte Jahr und begrüßen das neue.

Wann ist das Böllerschießen auf dem Oktoberfest?

Am letzten Wiesntag um 12 Uhr stellen sich rund 60 Böllerschützen in Tracht auf den Stufen unter der Bavaria auf und schießen das Fest ab. Schon zum Auftakt gibt es nach dem Anstich einen kleineren Salut mit zwölf Schuss.

Tracht und Schützen

Gebirgsschützen

Gebirgsschützen in Bayern: Geschichte seit der Landesdefension, Bund mit 48 Kompanien, Patronatstag zu Ehren der Patrona Bavariae, Tracht und Böllerschützen.

Ganzjährig; Patronatstag am
Hochzeit

Hochzeitsbräuche in Bayern

Hochzeitsbräuche in Bayern von Altbayern bis Franken: Hochzeitslader, Hochzeitsbaum, Baumstammsägen, Brautentführung, Kammerwagen und vergessene Bräuche.

Ganzjährig; Bräuche verteile
Jahreswechsel

Silvester und Neujahr in Bayern

Bräuche zu Silvester und Neujahr in Bayern: Böllern, Neujahrsanblasen, Neujahrsbreze, Wachsgießen statt Bleigießen, Glücksbringer und woher Silvester kommt.

Dezember
Weihnachtszeit

Weihnachten in Bayern

Weihnachten in Bayern: Christkind statt Weihnachtsmann, Krippe, Christmette, Frauentragen und Herbergssuche, dazu bayerische Weihnachtsgrüße auf Bairisch.

Dezember
Tracht

Trachtenvereine in Bayern

Trachtenvereine in Bayern: was ein Trachtenverein macht, wie 1883 in Bayrischzell alles begann, welche Gauverbände es gibt und was der Trachtenverband tut.

Ganzjährig; Höhepunkte sind